„Man wird gestraft an dem, wofür man seine Schwäche hat. Was sind wir dem Franzmann immer nachgelaufen! Wer von uns, der nicht — oft unter eigenem Widerstreben — eine Art Zärtlichkeit für Frankreich gehabt hat!“
„Ich!“ rief Kunz frei und hell. „Stets habe ich wie unser Blücher gefühlt: ‚dies Volk ist mir zuwider‘.“
Borkhus hielt, Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit, fest an seinem Gedanken. „Und doch frage ich: auf wen haben die geistigen Reize Frankreichs nicht gewirkt? Nicht nur die Stilkraft seiner Mode — die ganze heitere Beweglichkeit seines impulsiven Wesens, das in allen Widersprüchen schillert!“
Horst stand ihm bei. „Weiß Gott, langweilig war das Volk nie. Dem alles ins Schrankenlose, ins Absolute sich überspannt. Absolut in seiner Mathematik, seinem Rationalismus, absolut in seiner Mystik. Das Land des absoluten Cäsarentums und der absoluten Freiheit. Im Absolutismus knieend, wie mit Bewußtsein, um sich im Individualismus zu befreien. Immer taumelnd von Aktion zur Reaktion, aber immer aktiv und immer radikal. Immer das Umschlagen von der Hingabe zur Auflehnung, von der Pietät zum Umsturz. Stets im Gegensatz zu sich selber.“
„Und dabei immer auf Wirkung bedacht, und immer der Wirkung sicher“, ergänzte ihn Borkhus wieder. „Der glänzendste Regisseur seiner selbst. Denn Theater — Theater ist ihm nun einmal die Welt, die Geschichte. Gewiß, das ist kokett, gefallsüchtig —“
„Weibisch“! schmetterte Kunz darein.
„Ohne Frage“, vermittelte Horst. „So wahr die Frau stets im Mittelpunkt der französischen Kultur, auch der französischen Politik und Geschichte gestanden hat. Aber auch hier eine Spannweite, wie sie monumentaler nicht gedacht werden kann — von einer Jeanne d’Arc über die Heloise zur Maintenon! Auch hier die klassischen Extreme. Auch hier die Größe der Antithese. Und in der Bewegung, die sie überwindet, der leichte, unbekümmerte, heitere, spielende Flug.“
Für Kunz war das Maß zum Überlaufen voll. „So sind wir also einmal wieder objektiv. Und die deutsche Gerechtigkeit darf sich in die Brust werfen. Gut. Über das Frankreich von einst mag man so denken. Wer aber heute bei uns von der ‚Schwäche für dieses Volk‘ nicht geheilt ist“ — er sprach mit ungehemmter Leidenschaft — „der ist vermorscht und verfault durch die Knochen hindurch bis ins Mark.“
Sie ließen gern sein ehrliches Ungestüm gewähren. Der Baron fragte dann: „Sie haben in der französischen Gefangenschaft ihre besonderen Erfahrungen machen können?“
„Das habe ich. Und ich freue mich, daß ich der grande nation so habe an den Puls fühlen können. Ehre und wiederum Ehre der deutschen Sprache, daß sie kein Wort hat für das, was Franzosen an deutschen Gefangenen verübt haben! An wehrlosen, kranken, blutenden, hungernden Gefangenen. Die Franzosen haben ein Wort dafür. Sie nennen sich ‚ritterlich‘, sie nennen sich ‚großmütig‘. Gegrüßt seist du, französische Ritterlichkeit! Die Gefangenen, verdurstet, verwundet, lahm, zerlumpt — mühselig wanken sie vorwärts durch die Gassen. Das Volk strömt herbei — Männer, Weiber, Pfaffen, Kinder — mit Steinen, mit Schmutz, mit Spaten, mit Knütteln werden die Hilflosen bearbeitet. Wer am Boden liegt, wird ausgeraubt. Ein Triumphgeheul der Sieger in so gloriosem Kampf! Sei gegrüßt, französische Großmut! In Kellern, die unter Wasser stehen, auf Mistlagern ist das Nachtquartier. In schmierigen Konservenbüchsen wird stinkige Brühe gereicht, die der Ekel fortschüttet. Und die Wachmannschaft — die Soldaten — Kämpfer, die Kämpfer geleiten — nicht wahr, unter der Waffe ist Ehre — sie wehren dem Graus? O nein, sie grinsen dazu — sie grinsen. Sei gegrüßt, französische Ritterlichkeit! Ihr müßt sie ja kennen, ihr Franzosen, die ihr sie benennt! Aber hoch preise ich mich, daß auch ich das Brandmal trage, von französischer Großmut mir eingepreßt. Immer brennt es, immer flammt es in Feuerschrift! Bei mir, wie bei Tausenden! Niemals, so lange wir atmen, werden wir aufhören, Zeugnis abzulegen von französischem Geist! Denen, die nicht sehen wollen, werden wir in den Augen liegen mit unserem Flammenmal! All denen, die nicht mit dem zufrieden sind, was sie hier zu Lande jetzt am eigenen Leibe erleben! Und heil uns, heil Deutschland, daß wir diesen, diesen Nachbarn haben! Was die deutsche Seele nicht aus sich selbst vermag, er, er wird es vollbringen! An französischer Ritterlichkeit wird die deutsche Seele genesen und sich erheben!“