In der Stadt traf Horst viele von seinen jungen Freunden. Leuchtende Augen grüßten sich. Die Siedlungsgeschäfte, die er zu besorgen hatte, zeigten heute ein weniger unfreundliches Gesicht. Er trat guten Muts, unbefangen, ohne zu grübeln und zu wühlen den Weg zu Lonas Wohnung an.
Sie hatte zwei Zimmer in einem der alten malerischen Häuser, die von Kletterrosen besponnen an das alte Tor sich lehnen und mit träumenden Augen über die verfallene Stadtmauer lugen.
Ihre Wirtin, eine flüsternd beredte Küsterwitwe mit blendend weißem Scheitel, hatte ungefragt nur Lobsprüche für Lona, obschon deren politisches Treiben sie mit unsäglichem Entsetzen erfüllte. Daß ihr ganzes Herz den Armen gehöre. Ohne Entgelt gebe sie begabten Volksschülern Klavierunterricht. Jetzt sei sie Tag und Nacht als Pflegerin tätig, da in der Stadt eine Kinderkrankheit herrsche. Sie habe eben Bescheid geschickt, daß sie auf ein paar Stunden nach Hause kommen werde.
Als Horst an die Wirtin die Bitte des Alten ausgerichtet hatte und sich verabschieden wollte, trat Lona auf den Flur. Sie führte den Besuch zu sich hinein, während die Hausfrau in die Küche ging, das Essen zu bereiten.
Müde vom Nachtwachen lagen ihre Augen. „Wie geht es Ihren Kranken?“ fragte Horst.
„Zwei Kinder sind mir gestorben.“ Dann blickte sie fest gradaus und sie sagte hart, bewußt, wie gerüstet: „Und auch Sie haben einen Todesfall“. Sie hielt nun einmal nicht hinter dem Berge.
Nie hat Horst so wechselnde Empfindungen in eines Menschen Antlitz gesehen. Hier war der blutige Rausch einer Genugtuung — ein wildes Hochgefühl, darob, daß die Inbrunst eigenen Wünschens, eigener Verwünschung das Schicksal gelenkt hatte — und wieder eine Angst ob dieser dunklen Macht — die Müdigkeit einer Sättigung — ein Zug scheuer sich versenkender Reue — und über allem blieb etwas von der Charitas, ein Priesterliches, das der Umgang mit dem Tode verleiht.
Horst war auf den ersten Blick zurückgefahren und hatte sich verschanzt in sich selbst. Tot der Freund — und hier dessen Todfeind, über den Tod hinaus. Was kann es für ihn geben als zornige Abkehr und ein Schweigen in Haß!
Aber das, was in ihren Zügen, in ihrem Wesen selbst die Erlösung suchte aus einer Qual, das blieb nun doch das Mächtige über ihn.
Haß — Haß gegen Dich — Du bist eine Deutsche! Ich habe keinen Haß für Volksgenossen. Ich will sie verstehen, nicht sie verfolgen. Mitleid kann ich mit ihnen haben, ja ich kann mich ihrer schämen und darum gegen sie mich auflehnen. Aber hassen — unsern Haß halten wir fein säuberlich zu Rate, er gehört den andern!