Und ihr gemeinsamer Freund Lud Uhlenbrook führte sie beide nun gar auf denselben Weg.

Diese Nacht, so beantwortete sie die Bestellung, müsse sie noch hierbleiben. Bei einem Kinde, einem Zögling von ihr, gehe es auf Leben und Tod. Morgen komme sie dann zu dem Alten. Und sie wolle sich so einrichten, daß sie mehrere Tage bei ihm hausen und ihn gesund pflegen könne.

Sie sprachen beide zärtlich über den alten Lud. Ihre Gemeinschaft gab Horst ein Recht, sich in dem Zimmer umzusehen.

Die Wände waren mit Bildern bedeckt — vom jüngsten Geiste waren sie — er wußte, von wem sie stammten. Von ihrem Freunde, dem hier getöteten, dem hier begrabenen.

Sie fing die Blicke des Beschauers auf, sie fand in ihnen das Befremdete, das unsichere Flackern, das Ratlose — das Verständnislose, wie sie es sich nannte. Erst wollte sie mitleidig schweigen. Aber Horst war ihr nun einmal immer näher gekommen — galt er ihr nicht eines Bekehrungsversuches wert? War hier nicht vielleicht das Tor, das am ehesten sich auftun ließ, ihn hineinzuziehen in ihre Welt? Die Proselytenmacherin regte sich nun doch.

„Sie wissen mit dieser Kunst nichts anzufangen?“ fragte sie, eine gewisse Hilfsbereitschaft im Ton.

„Da ich meinerseits hier durchaus in den Anfängen bin, muß ich schon um Nachsicht bitten. Zunächst dringt es wie ein Geschrei von Farben auf mich ein. Von Farben, die die Form verschlingen. Und — sie wieder von sich speien.“ Er nahm ganz und gar kein Blatt vor den Mund. Sie aber konnte das gut vertragen.

„Für den Anfang ist das gar nicht so schlecht“, sagte sie. „Wenn Sie näher hinsehen, werden Sie erkennen, wie die Farben es sind, die die Form sich schaffen — Sie werden die Visionen, die Gesichte der Farben erleben, und dann fassen Sie den richtigen Grund.“

Horst vertiefte sich mit bereitwilliger Unbefangenheit. „Ich gebe zu, ich sehe hier eine Energie, die über den Raum hinauswill —“

„Das ist es“, sagte sie lebhaft, beinahe freudig. Und werbend fügte sie hinzu: „Darauf kommt es ja an, auf die Überwindung der Körperlichkeit, des empirischen Daseins. Mit Naturerlebnissen, mit Sinnenerlebnissen hat die wahre, die geistige Kunst nichts zu schaffen. Für sie gilt nur der Genius innerer Gesichte. Sie hat mehr als das Schöne, Glatte, Abgeklärte der Natur, als die artikulierten Laute der Sinnenwelt. Sie lebt in der gewaltigen, noch unentwirrten, rätselvollen, gespensterhaften Unwirklichkeit. Chaotik ist ihr Wesen. Nur in dieser kosmischen Vitalität kann spirituelle Kunst atmen!“