Sie war ganz hingenommen von ihrer Lehre und deren beredtem Rüstzeug, sie stand in der Glut ihrer Worte, der Glut und dem Rauch, halb Priesterin, halb Dozentin. Und ein Junges, Mädchenhaftes war dabei — freudig nahm Horst es hin — etwas vom Fanatismus der höheren Töchterschule.

Er vergaß erst die großen Worte ob diesem Reiz fast verschämter Glaubensleidenschaft. Dann aber stiegen ihre Worte wieder empor, in der unerbittlichen Großartigkeit.

„Chaotik“ — klang es ihm im Ohr. Chaotik — reimt sich auf Gotik — und ist als Schlagwort gewollt und gemünzt. O was für gewaltige Blöcke werden hier gewälzt, titanenhaft. Nur müssen sie als Trümmer liegen bleiben — es wird nicht gebaut. Bauen ist räumlich, ist Form. Die reine Kunst aber und was mit ihr zusammenhängt, muß formlos sein oder sie ist nicht!

Schwer schüttelt Horst den Kopf — auf den er sich stellen müßte, um hier mitgehen zu können. Formung, Bindung, das ist und bleibt ihm aller Kunst Wesenheit. Das Stammeln von Urlauten ist ihm keine Sprache.

Aber, da er sich aufs neue in die Bilder versenkt, räumte er ein, gutwillig und gerecht: „Ganz gewiß spüre ich hier eine machtvolle Sehnsucht — einen, sagen wir, stürmenden Überschwang des Fühlens —“

„Nun also!“

„Aber es ist nun mal — wie sag ich — die Verzückung einer Qual — eine krampfartige, fallsüchtige Verzückung — wie ein Sichselbstzerreißen und wie ein Tauchen der Hände ins eigene Blut!“

„Recht so! Nur so, nur so kann man schaffen!“

„Etwas, was uns jagt und verfolgt! Wovor man sich schützt! Was tue ich mit einer Kunst, wenn ich mich von ihr mit Händen und Füßen befreien muß! Die Kunst soll mich befreien!“

Sie hob abwehrend die Hand. „Wie alt ist das! Ein Golgatha ist die Kunst und soll auch unser Golgatha sein. Nur kein irdisches, ein kosmisches Golgatha. Aber ich geb Sie längst nicht verloren. Hier ist nun der Scheideweg für alle denkenden Wesen. Nicht bloß in der Kunst, auch im Leben.“ Und mit einem Schlagwort mußte sie schließen. „Jeder hat sich zu entscheiden, ob er die Kosmik will oder die Kosmetik. Ob das Nivellieren, das Glatt- und Schönmachen in den hübschen Kompromissen von Gesellschaft, Staat und Kirche — ob das Ausschwingen des Geistes in Weltenweite!“