Der Diener brachte eine Depesche. Sie öffnete sie, nach leiser Überwindung, mit zagender Hand. Um ihre Augen zog ein schwerer Schatten. Dann legte sie das Blatt beiseite.

Sie sprach weiter über den Bau, und wie die Seßhaftigkeit der Herren ihr ein Trost sei, deren Nachbarschaft ihr eine Hilfe und Freude. Dann zuckte es in ihrer Hand.

„Und da wir in einer Gemeinschaft stehen — da wir mehr oder weniger aufeinander angewiesen sind, soll auch volle Offenheit zwischen uns sein. Dies hier“ — ihre Finger griffen wieder nach dem Telegramm — „gehört so zu meinem Leben und zu meiner Tätigkeit, ich muß mit Ihnen darüber reden.“

Sie gab die Drahtnachricht an Horst. Er las: „Bin Amateur-Boxmeister von Deutschland. Gegner mit großer Technik, gutem Auge und ausgezeichnetem Linken landete mehrfach hart, wurde aber schließlich durch rechten Kinnhaken zu Boden gestreckt. Kampfdauer drei Minuten vierundvierzig Sekunden. Achim.“

Horst gab auf ihre Bitte an Gisbert die Nachricht weiter. Dann sagte sie: „Es ist eine Eitelkeit in uns, die mit unserem Unglück Versteck spielt. Ich will mich ganz frei von ihr machen. Sie wissen ja ohnehin, daß ich meinen Mann schwer erkrankt aus dem Felde zurückbekommen habe. Man hofft immer wieder auf eine Wendung. Und immer geringer wird die Hoffnung.“

„Gnädige Frau,“ sagte Gisbert, und seine Worte leuchteten wie seine Augen, „lassen Sie erst wieder mehr Sonne in Deutschland sein — sie kommt auch zu ihm und erlöst auch ihn.“

„Mehr Sonne, Gisbert?“ entgegnete sie, schmerzlich spannte sich ein Lächeln um ihren Mund. „Wir werden noch sehr viel mehr Finsternis in Deutschland haben. Und — auch die Sonne kann Zerstörtes nicht wieder lebendigmachen.“

Gisbert und auch Horst suchten nach Zuspruch. Mit weher Klarheit fuhr sie fort. „Es ist nun mal alles Empfindungsleben in ihm zunichte geworden. Und — was das Schlimmste ist — man darf selbst auch nicht mit irgendeiner Empfindung ihm nahe kommen — als ob sie Ansprüche auf einen Widerhall erhöbe, den es nun einmal nicht geben kann. Die erschreckten, gequälten, kranken Augen dann — das Herz steht einem still. Und so ist er nun rettungslos versunken — in diese rohe Spielbetäubung des Gladiatorentums.“

Ihre Hände nahmen wieder das Telegramm. „Dies ist nun eine Siegesnachricht. Ich soll an ihr teilhaben — und darf doch auch wieder keinerlei Freude zeigen. Er weiß ja, daß sie nicht echt sein kann, und würde noch mißtrauischer werden. Und wenn ich ganz mich zurückhalte — man sucht doch schließlich immer noch nach einem Rettungsfaden! Und wir gehören doch zusammen.“ Unhörbar fast klang es aus.

Eine Freundschaft schloß das Leid dieser Frau um die drei. Daß sie aus ihrer leisesten Innigkeit sich so ihnen offenbarte, wie eine unsägliche Kostbarkeit empfanden die beiden Männer so viel Zuneigung und Vertrauen. In Gisberts blassem Gesicht fluteten die Blutwellen. Das Fieber seiner Augen hob und löste sich in der Verklärung eines unerhörten Glücks.