Dann die Offenheit seines Auges, die Unbefangenheit seines Wesens, das von verstecken nichts wußte und auch bei den anderen mit unbekümmertem Griff aus den Höhlen und der Heimlichkeit herausholte, was das grelle Tageslicht mied. Wenigen wie ihm taten sich so die Herzen auf. Darum kannte er auch die Herzen, ihre Kraft, ihre Hoheit wie ihre Tücken und Nücken. Und eben seines Wesens aufspürende Innigkeit feite ihn gegen Groll und Gift. Er hatte nun einmal von den großen Eigenschaften, gegen die es keine Rettung für kleinere Geister gibt — als die Liebe.

Machte das Hartsinnige, die starre Unbedingtheit den Führer aus, wäre Dankwart Hamerslag dafür der geeignetste gewesen. Ihm hatte das Feste, Spröde, Brüchige seiner Art ein grausames Geschick noch härter geschmiedet. Als frischer Ehemann war er ins Feld gezogen. Wie er auf Urlaub nach Hause kam, hatte seine Frau, die er vergötterte, die kindlich junge, schwärmende, haltlose aus der Ehe sich beurlaubt. Davon trug sein Leben die Wunde, die nicht verharschen konnte, und die sein Blut mit Bitternis durchschwärte.

Er war der Techniker des Kreises, nicht genial und von großen Ideen, dazu fehlte es ihm an Herz und an Feueratem, aber von beispiellosem Scharfsinn und reicher Erfindungsgabe.

Und auch in dieser Seele brannte ein Altar. Das war die Liebe zu seinem heimatlichen Westfalen. Stunden des Heimwehs hatte er, daß die Augen ihm übergingen. Dann wetterte er gegen sich selbst. Er, sentimental, er, den sie die Maschine nannten! Doch dies Gefühl ertrank erst wieder in dem großen Schmerz um die große deutsche Heimat.

Das Westfalenland, das Sachsentum, es schlang ein zärtliches Band um die ungleichsten der Brüder, um ihn und Kunz Rutenberg.

Er, der Mathematiker von Geblüt, und Kunz der geschworenste aller Zahlenfeinde, der einmal erklärte: „Es muß ein Leben nach dem Tode geben! Ich muß mir — muß mir den Mann bei Licht besehen können, der die Logarithmentafeln gebaut hat!“

Kunz mit den frischen Backen, mit den „munteren roten Blutkörperchen“, trotz dem Elend, das auch an ihm fraß, nicht weniger als an den Kameraden. Er war ganz gewiß nicht der leichte Obenauf. Genug des schweren niedersächsischen Sinnes war seinem jungen Frohmut beigemischt. Und wenn die anderen sich mehr an ihm freuen und über ihn lachen wollten, als er hergeben konnte, durfte er ernstlich sagen: „Kinder — wenn ich auch der Clown bin in eurem Zirkus, Komiker sind keine lustigen Menschen!“

Das ist ja wahr, der Versunkenheit und dem Kultus mystischer Weltflucht, dem sein Stubengenosse Gisbert oft genug erlag, setzte er leicht eine unbarmherzige Fröhlichkeit entgegen. Nicht mit böser Absicht — dann hätte in Gisbert irgendeine wenn auch noch so unbewußte Komödie am Werke sein müssen. Und dessen Sauberkeit ahnte nun ganz und gar nichts von Pose. Es geschah aus einer unwillkürlichen aber um so lebhafteren Reaktion, die Kunz selber schmerzte. Namentlich dann, wenn sein Übermut eine Ironie hineinpfefferte.

Gisbert, gewiß der zarteste von ihnen allen, hatte im Kriege das Schwerste durchgemacht. Vier Tage und drei Nächte lang war er verschüttet gewesen, alles um ihn war nach und nach verröchelt. Als der einzig Lebende kam er ans Tageslicht. Die Retter betteten einen Verklärten, in Visionen Schauernden. Als sie ihn wegtrugen, hob er den fast schon Seele gewordenen Leib, streckte die fliegenden unkörperlichen Hände inbrünstig zurück — und hauchte: „Nicht fort — ich muß — ich muß — wieder hinein — dort hab ich Gott geschaut — —“

Es stimmte schon, was Horst Oldefeld einmal sagte: „Wir alle haben Wunden, Gisbert aber hat Wundenmale.“