Dahin trug Gisbert die Morgenandacht seiner Seele. Wir sind Nichts, was wir suchen ist Alles!

Und wie er zurückkehrte in die Welt körperlicher Gedanken, empfing ihn das Glück: ich suche ja nicht allein diese Straße des Lichts, Deine Sehnsucht, Du meine Freundin, geht denselben Weg.

In seinem Herzen, auf seinen Lippen formten sich die Worte seines Hohenliedes.

Die Gesänge meiner Gedanken, solange sie atmen, suchen sie Dich! Ich grüße den Morgen, mit der Frohheit des Wachens — mit den selig sachten Schatten der Müdigkeit grüß ich den Abend, den Vater der Nacht, mit seinen Enkeln, den Träumen. Meine Träume flüstern Deinen Namen und lauschen seinem Klange nach, und flüstern ihn wieder und lauschen — und flüstern und lauschen. So ist meine Nacht beseelt von Deinem Wesen, wie mein Tag erfüllt ist von der Gewißheit Deiner Nähe, von der Seligkeit, daß Du bist —

Aber nun, all seine Sinne schwingen ein in den Rhythmus, und ihre Stimmen singen leise mit. Das Bild der geheiligten geliebten Frau zaubern sie herbei. Ihrer Augen tiefe Gewalt leuchtet auf, das weiche Haar fällt über die mädchenhaft versonnene Stirn, die feine Hand mit den seltsam festen Linien streicht es zurück. Ihre Hand — wie oft, wie lange kann er still liegen und nur an ihre Hand denken — in der ihre Seele ist und auch die Kraft ihres Schaffens. Diese Hand, so voll von Musik und doch für sichere Zügelführung begabt.

Und wie in seinen Träumen flüstern jetzt die wachen bewußten Lippen den Namen „Tilde“ — „Tilde“ —

Ein Schritt pocht auf die Erde. Gisbert fährt zusammen — wendet sich um. Kunz steuert auf ihn zu, in müdem Schlendern. Hockt sich dann neben ihn und gähnt sich erst einmal aus.

„So früh heute und das am Sonntag!“ fragt Gisbert.

„Weiß der Frühling, was das mit mir ist! Mich flieht der Schlaf — mich! Was liegt da in der Luft? Du mußt es wissen, der Du selbst in der Luft liegst, Du Ätherbewohner.“ Er blickt um sich: „Ist das ein böses, rotes Licht da auf der Heide! Zeichendeuter wird man — Geisterseher — was hat man bloß!“ Dann schlang er den Arm um den Freund und sah ihm herzlich ins Auge. „Du, lieber Junge, wirst nun allerdings immer magischer. Darf man Dich denn schon wieder frei herumlaufen lassen?“

„Warum nicht?“