„Man wird nun mal die Sorge um Dich nicht los. Sehr viel Blut hast Du nicht mehr herzugeben.“ Er nahm seine blasse Hand. „Und dann —“
„Was noch?“
„Die Angst — ich kann mir nicht helfen — Du könntest Dich nun ganz — drei Kreuze vor dem Wort und vor der Sache! — im Pazifismus Dich verblutet haben.“
„Pazifismus — ich fürchte mich nicht vor Worten, Kunz.“
Bei dem kam das Unwirsche seiner Morgenfrühe jetzt obenauf. „Ah! Wir wollen Siedler sein? Arbeiter eines Geistes an einem deutschen Werk? Eine politische Menagerie sind wir nächstens.“ Wegwerfend schmiß er die Hand nach der Baracke zu. „Alle Gattungen findest Du jetzt in dieser Arche Noäh beisammen. Wenn ich nicht Schimpfworte vermiede, würde ich sagen, wir sind ein Parlament!“
Gisbert schwieg. Kunz bürstete weiter seinen Grimm. „Weltanschauungen! Haha! Was haben wir bloß für Weltanschauungen im deutschen Land! Alle, die es gibt und nicht gibt. Bloß die deutsche nicht. Seit Horst zum Universalgenie geworden ist, flattern wir nun alle lieblich im gütigen All. Leb wohl, deutsche Erde!“
Gisbert schwieg noch immer. Das machte Kunz nicht freundlicher. „Warum legen wir Siedlungsmönche denn nicht ehrlich und vorbildlich das Gelübde des Geprügeltwerdens ab! Warum kleben wir nicht das Wappen der friedfertigen Seligkeit an unser Haus, die geschwollene rechte und auch linke Backe! Ohrfeigengesichter wir, als Vorkämpfer des deutschen Pazifismus! Denn wenn es nichts mehr gibt, einen deutschen Pazifismus gibt es! Und weißt Du, wie der geht? Wir versöhnen uns, versöhnen uns mit den andern — und die andern dreschen auf uns los! Das ist deutscher Pazifismus, nach unserem eigenen und der ganzen Welt Beschluß!“
Der zuckende Zorn lief durch seine Glieder. Gisbert wußte, wie er litt, er sprach jetzt mit seinen stillen, ein wenig hilflosen Worten: „Wir wollen ja dasselbe, Kunz. Nur auf anderem Wege wollen wir zu demselben Ziel. Es ist gut für Deutschland, daß es Euch gibt. Aber auch uns gibt es nun einmal. Und wir müssen uns ergänzen —“
„Müssen wir, was wir nicht können! Ergänzen heißt ganz machen! Ganz — mit Euch, durch Euch, die Ihr uns zermürbt! Nihilisten seid Ihr, die passiven, die schlimmere Sorte! Was habt Ihr Euch in Asien herumzutreiben! Die wir heute mehr als je — die wir heute nur und nur und immer und weiter nichts als zu uns selbst kommen müssen! Was nehmt Ihr uns die Heimat des Herzens! Was verdünnt Ihr uns bis zur Erschlaffung mit Euren dreimal vermaledeiten Wassern des Ganges unser ehrliches eisenhaltiges deutsches Herzblut!“ Seine Hände packten ins Heidekraut, rissen die Büschel aus und warfen sie in die Luft.
Da Gisbert ihn unbeirrt ansah — „Du verzeihst mir, mit Deinen Gazellenaugen. Gütig seid Ihr und liebevoll, aber nur aus Schwäche seid Ihr es. So geschieht’s, daß Ihr für alles Verzeihung habt, nur nicht für Tugenden, für männliche! Nur nicht für Kraft! Und darum — gefährlich mögt Ihr sein, aber an den Kern unseres Wesens, nein, an den rührt Ihr uns nicht!“