Nun hatte Kunz sich vollends wieder. „Ihr haltet unsereinen für dumm. An unserer Dummheit liegt es dann wohl, daß Eure Klugheit uns nicht aufgehen will. Herrgott, ist das eine baumwollene Weisheit, die Ihr aus dem Lande der Baumwolle bezieht! Phrasen! Nichts als Redensarten von platzend hohler Allgemeinheit! An ihrer Spitze die große Heilslehre: „Gutsein heißt das Leben aller Leben!“ Oder die erlösende Antwort auf die ewige Frage: welches ist der Weg zur Wahrheit? „Die wechselseitige Durchdringung unseres Wesens mit allen Dingen!“ O verfluchter Tiefsinn heiliger Abstraktion! Was soll ich damit? Wo ist hier Leben, Wärme, Licht, wo ist hier Liebe? Und Ihr wollt uns das „verbrauchte“ Christentum ersetzen! Gebt mir, so gebt mir doch aus Eurer Fülle! Habt Ihr etwas, in dem großen heimatlosen Weltraum Eurer leer leuchtenden Unendlichkeit, was gegen den kümmerlichsten Lichtstumpf des ärmsten Tannenbaums in deutscher Hütte nicht hilflos verblaßt und erlischt und erstirbt!“
„Alles Licht leuchtet dem Einen —“
„Alles — ja — wo nichts ist, da sagt man alles! Und fühlt sich gerettet. Luft — Luft gebt Ihr statt Brot. Und wär diese Luft nicht noch mit Getöse erfüllt! Ihr Stillen des ewigen Friedens, gut, Ihr habt wenigstens Stil. Aber diese Brüller des Pazifismus! Die mit furchtbar krampfhaften Verrenkungen des Leibes, der Seele und des Worts, Schaum vorm Munde und in ihren Versen, ihre Flüche und ihr Wehe schreien! Schnaubende Racheengel, tosende Kriegsfurien der Friedfertigkeit! O Du Grundgütiger! Wer einen Bauch hat, hält ihn sich!“
Gisbert blickte still in den Freund hinein. „Du nennst mich überschwenglich, Kunz — bist Du es nicht auch? Und wenn nun unser Überschwang aus einer Quelle fließt —“
„Verallgemeinere mich nicht!“ stöhnte Kunz zornig.
„Verallgemeinern —? Ist es so schlimm für Dich, wenn ich uns beide zusammenspanne?“
Gisbert hatte den reinen Herzenston. Kunz war bezwungen. „Kerl — wenn Du nicht so ein unwahrscheinlich anständiger Mensch wärst! Hauen möchte man Dich manchmal — und haut dann lieber sich selbst. Herrgott — laß Dich meinetwegen schaukeln von der Rhythmik der Ewigkeit, aber brauch auch die Fäuste, die Dir Gott verliehen hat! Du darfst nicht so viel mit Dir selbst zusammenhocken! Mit Dir und mit Deiner Gesinnungsgenossin! Dieser herrlichen Frau von Mönkhov! Sie ist herrlich — aber Eure Seelennähe schadet Dir.“
„Kunz —“ man hörte in Gisbert die feinsten Saiten schwirren.
„Verzeihung — ich weiß — mulier taceat in ecclesia — über die Frau schweigt man wie in der Kirche. Aber sieh, Freundschaft muß nun einmal reden. Und nun will ich Dir was sagen. Komm heute nachmittag mit mir ins Moordorfer Pfarrhaus.“
„Das will ich gern.“