Immer nur hatte sein eigenes Glück ihm geschienen, immer hatte er in dessen Widerschein die Herrin gesehen. Immer war das Gefühl der Gemeinsamkeit über ihm — was er selbst empfand, ließ er auch sie empfinden. Wollte der Dienende sein, und ließ nur sein Eigenleben leuchten. Hatte er je den feinen Schattierungen ihres Fühlens nachgespürt? Wieviel an Schicksal trug doch diese Frau.
Und nun — an einer leisen Regung bei ihr — ward es ihm bewußt, wie sehr ihr Leben Mangel litt, und er mußte sich fragen: was habe ich, ich ihr zu geben? Was kann die Blässe meines Gedankentums ihr sein?
Vor dieser Frage aber erschrak er tief. In seine junge Ahnungslosigkeit griff das Grauen: werde ich sie halten können, muß ich sie nicht verlieren? Sie halten? Wer war er! Hatte er ein Recht auf sie? Ihr Knecht war er, ihr treuer Fridolin, in Stücke ließ er sich für sie zerhauen. Und wenn der Geistesflug in gleiche Bahnen sie führte, blieb er nicht auch hier nur als Knappe ihr zur Seite?
Unbarmherzig sah er das Leben, strich die Schwärmerei aus Augen und Sinnen und packte die harte Wirklichkeit an.
Was ist das Los dieser reichsten, herrlichsten, innigsten der Frauen? Mit einem gemütskranken Mann muß sie das Leben teilen. Und lag nicht das Unglück auf all ihren Wegen? Sind nicht alle von ihr gegangen? Um die ihre Liebe sich schlang?
Wo ist die Hand, die in ein neues Dasein sie reißt! Die kraftvolle Männerhand, die sie erlöst! Ins Glück sie erlöst! Nur so, nur so kann ihr Leben sich erfüllen! Und schonungslos betrachtete er sich selbst, wie wenig er selber hatte von kraftvoller Hand, von einem Erfüller und Vollender.
Dann wieder regte es sich gläubig in seinem jungen Herzen. Bin ich nicht noch im Werden, im Wachsen! Und wie kann ich wachsen, gerade am Wesen dieser Frau! Und eben in diesem jungen Herzen sprühten jetzt die Funken: wie schön ist sie! Und die Flammen erschreckten ihn, er mußte sie zerdrücken und austilgen mit allen Kräften seiner Seele.
Es war eine Rettung, daß Frau Tilde von ihrer fleischigen Nachbarin zu reden anfing. Die hätte, über ihre Buttermaschinen hinaus, ihr die Einladung zu einer spiritistischen Sitzung gebracht. Nun lachte Gisbert hell auf. Frau Tilde, aus den Höhen und Weihen ihrer spirituellen Einsamkeit, der allein sich das Übersinnliche auftun konnte, hineinversetzt in die beklagenswerte Runde tischrückender Sekten!
Beklagenswert — das war der Grundton in Tildes Betrachtung. Diese armen Menschen! Und dieser armen Menschen arme Geister! Die auf Tischbeinen einherspazieren und die übelsten Trivialitäten den verzückten Gläubigen in die offenen Münder fliegen lassen.
Wer nicht den innersten Trieb hat mit seinen Geistern allein zu sein, wer ein Gesellschaftsspiel mit ihnen vollführt, wer sie sich erst durch die Hirne anderer, ob krankhaft ob nicht, hindurchfiltrieren lassen muß, wie unsagbar traurig sieht es in solchen Seelen aus!