Mir allein gehören meine Geister, zu mir allein sprechen sie, nie werden sie die anderen vernehmen lassen, was uns verbindet. Nicht nur meine Träume, die nur meine sind, führen sie zu mir, nicht nur die Andacht meiner Nächte, auch die dürstende, „an der Sphäre saugende“ Sehnsucht meiner wachen Stunden. Und sie kommen zu mir, im Waldesschatten, im Quellengemurmel, aus den Sonnenkreisen des Buchengrundes steigen sie auf, von den lichtumsäumten Wolkenbildern schweben sie zu mir nieder. Und sie sprechen zu mir, nur zu mir, denn nur ich verstehe ihre Sprache. Und ich weiß, daß sie sind — so wahr ich bin und so wahr ich sein werde wie sie.
Nun aber, nach diesem milden Bedauern, stieg ein ehrlicher Zorn auf. Mein Mitleid allen dumpfen Gehirnen, die nur im Dunst des Herdentums ihre Regungen haben! Duldung auch den gutgläubigen Priestern und Hohenpriestern dieses für mich armseligsten und schwachsinnigsten aller Kulte. Was aber soll man zu den Ausbeutern sagen, die sich hier eine Macht und eine Industrie aus geistig Bedürftigen bereiten! Gewiß, trübe Neurastheniker zum Teil, die sich suggerieren, sie glauben das, was sie die andern glauben machen wollen. Die vielen aber unsaubere Scharlatane von Beruf, die mit Bewußtsein die Seelen und Börsen in ihre schmierigen Erpresserhände nehmen und froh sind, sich ins Unkontrollierbare gerettet zu haben.
So Frau Tilde. Nie hatte Gisbert solch harte Worte von ihr gehört. Waren es eigene Erlebnisse, die so steil und spitz sie aufrichteten? Und wieder, an ihrem Zorn wie vorhin an ihrer Bitterkeit, empfand er etwas von der Lücke, die durch ihr Leben ging.
Er hatte, wenn er sie nicht bei der Arbeit sah, sie versenkt gefunden in ihre gläubige Güte, erhoben in ein abgeklärtes Schauen. Jetzt, wo die Erregung sie durchpulste und in ihren Augen Feuer zuckten, floß es heiß durch ihn selber hin und seine Sinne loderten. Wieder die singenden Flammen!
Und wie er heimwärts schritt, sang das Feuer in ihm weiter. Und über ihm immer die eine Frage. Meine Herrin darbt und ist in Not. Sie friert in ihrer Höhe. Läutet nicht irdisches Sehnen auch in ihrem jungen Herzen? Was kann ich ihr sein? Was kann ich ihr geben?
Dann wies er diese Frage, diese rohe Frage von sich. Die alles in das Elend der werbenden Sinne zog. Und er hob sich empor auf den Schwingen seiner alten selig reinen Liebesweise.
Ich lebe in dem Gedanken, daß Du bist. Ich atme die Gewißheit Deiner Nähe. Meine Träume flüstern Deinen Namen — beseelt ist mein Dasein von Deinem Wesen — —
Aber das Lied verklang im Entstehen, seine Melodien starben hin, seine Macht ging unter in dem Rauschen des Blutes.
Und bei ihm blieb das große Grauen, wie schön sie war. —
In Gisberts und Kunzens Verschlag flatterten diese Nacht flügelschwere Träume.