Ist die Begründung für alle zwingend? Aber Meinung ist jedenfalls Meinung. Und Klassensinn bleibt Klassensinn.

Gegenvorschläge tragen ihr Mal an der Stirn. Und Kunz, der sie macht, befindet sich schon deshalb im Nachteil, weil er zornig ist. „Ich habe ja gewiß nichts gegen Lüders und Hoffmann einzuwenden. Auch für Bräute und Witwen mit und ohne Kinder habe ich eine fühlende Brust. Aber bei jedem Werk ist nun mal die Leitung die Hauptsache, und der Kopf muß besser und höher liegen als die Beine. Darum und um dessentwillen: unser erstes Haus gehört zuerst einmal dem Gründer und Führer unserer Siedlerschaft für seine Arbeit an unserem Werk. Da er nicht alle Räume für sich braucht, mag er sich seinen oder seine Hausgenossen aussuchen!“

In den Worten, deren Ton mühselig die Grenze wahrt, schnaubt seine Erregung. Und die ist es, die Widerhall und Widerstand erweckt. Die Meinung steift sich gegen ihn, in dem sattsam gehegten und gepflegten Zeichen des Sozialen. Und der schlaue Metzling weiß wohl, was er spricht: „Wir möchten, daß Herr Oldefeld sich selbst hierzu äußert. Wenn es sein ausdrücklicher Wunsch ist —“ Die Pause ist inhaltschwer.

Darauf Horst sehr gehalten: „Ich soll hier einen Wunsch aussprechen, der von mir ausgesprochen kein Wunsch mehr ist.“

Kunz schlägt sich aufs Knie und blickt zuckend zu Dankwart hinüber. Nun hat er sich von dem Feixer auf den Leim locken lassen und spricht Feinheiten. Und noch schlimmer, empfindet sie. Die andern aber haben es nicht nötig, sie zu verstehen. Wenn sie überhaupt Sinn dafür haben. Um so bereitwilliger fliegt ihr Verständnis den letzten Worten von Horst entgegen: „Im übrigen bin ich dadurch, daß ich an der Spitze stehe, bevorzugt genug. Und dieser Vorzug nimmt gern die kleinen Unbequemlichkeiten in Kauf. Außerdem sollen bei uns ganz gewiß auch die Rangverhältnisse des Bedarfes und der Bedürftigkeit gelten. Die beiden Kameraden brauchen zuerst ein Nest — sie sollen es haben.“

In den Worten, die immer bestimmter wurden, fehlte etwas von dem alten Herzenston, der sonst die Gemüter zwang. Aber die Wirkung blieb nicht aus, die Augen leuchteten ihm zu.

Dankwarts harte Dürftigkeit grollte: Ist er jetzt wie einer, der bei der Masse sich schustern will! Immer schwerer, aus ihm klug zu werden!

Gisbert, treu bei der Sache, sobald er seine Gedanken in die Erdenbahn gezwungen, stand lebhaft auf und drückte Horst die Hand. Kunz aber stöhnte laut auf zu diesem lebenden Bild, zu solcher politischen Gruppe. Nun ist er bei der Lotosblume angelangt, jetzt wird er mit dem Hinduknaben sich weiter zerpflücken und zerfasern. Sein Grimm, der Scheltworte brauchte, benannte die beiden vor Dankwart „die Indiafaserkompagnie“, und der quittierte mit gezerrtem Lachen. Und Kunz klagte sich aus: so bleibt also wieder mal die Empfindsamkeit Trumpf, und wie ist sie uns so not, so bitter not, die gesunde Rohheit unserer Urnatur!

Die beiden, Horst und Gisbert, gingen in den Abend hinein. Mit ganzer Zärtlichkeit umfing Horst den jungen Freund. Er fand in dessen Augen, die sonst so gläubig sich verklärten, die Tiefen einer dunklen Angst. Er ahnte wohl, was ihn so quälte und umtrieb. Aber war dies nicht zarter und feiner, als daß hieran selbst Gedanken rühren durften!

Sie wanderten still. Horst war auf dem Wege zu dem Landhaus der Schweden, wo er den Abend verbringen sollte. Er dachte nicht anders, als daß Gisberts Ziel das Moorhofer Herrenhaus sei. Aber wie ihre Wege sich trennten, ging er die Höhen hinauf, nach den Dünen zu, an die See.