Der erhebt sich. „Es tut mir leid. Sie weiß, daß ich politisch ihr Todfeind bin. Sie weiß auch um meine freundschaftliche Gesinnung für Herrn von Borkhus.“

Die schwere Pranke des Alten legt sich auf den Arm seines Gastes. Die Aufwallung reut ihn.

„Bleiben Sie noch sitzen. Die Kleine steht mir nahe. Ich hab sie als Kind auf dem Arm gehabt. Sie stammt aus unserer Gegend. Ihr Vater war Pastor in Unkvitz. — Sie sehen die Kirche südwärts vom Moor. Das war ein Mann — was haben wir den geliebt! Zu dem gingen wir alle und nicht zu unserem Pastor hier. Jung war er und fröhlich — und wenn man ihn bloß ansah, wurde man schon ein besserer Mensch. Und was konnte er die Orgel spielen! Jeden zweiten Sonntag gab er ein Kirchenkonzert. Was Beine hatte und Ohren drängte sich dazu. Und seine Frau sang, wie ein Engel aus dem Himmel sang sie. Die war eine berühmte Sängerin gewesen, aber ihren Mann hatte sie lieber als all ihren Ruhm. Und ganz plötzlich — ich weiß nicht, was der Herrgott sich dabei gedacht hat — plötzlich stirbt dieser Mann. Hatte an einem Krankenbett sich angesteckt. Die Frau wurde wahnsinnig. Verwandte holten das Kind. Es war damals zwei Jahr. Ich ging auch gerade zur Bahn. Da habe ich das Wurm den ganzen Tag getragen. Und das war der Anfang unserer Freundschaft. Dann habe ich die ganze Zeit nichts von ihr gesehen und gehört. Jetzt ist sie wieder aufgetaucht. Und schlimm genug ist das, was sie wieder in die Heimat geführt hat.“

Der Alte stöhnte und schwieg eine Weile.

„Als wir ihren Freund hier begruben — sie war sein einziges Gefolge. Der Geistliche, der hier damals amtierte — unser Pastor Wärmann lag noch verwundet im Lazarett — na ja, er gab wohl her, was er konnte, aber schließlich — der Tote ein Revolutionär. Und sie die Geliebte eines Revolutionärs. Die wahre Liebe und der wahre Trost war es nicht. Ich hab dann die Kleine mit nach Hause genommen. Und an meiner Brust hat sie sich ausgeweint.“

Horst hörte hingegeben zu. Und nun sah er sie hilfsbedürftig in den Armen dieses alten Mannes. Hilfsbedürftig — das reimte sich ihm so wenig zu ihrer Art. Und ihre Augen in Tränen — diese Augen mit ihren wilden Bränden und ihrer schaurigen Erloschenheit.

Er wollte mehr wissen, aber er brauchte nicht zu fragen. Der Torfmeister war mit dem Recht seiner Jahre redselig geworden.

„Jetzt will sie hier bleiben. Sie hat sich in der Stadt niedergelassen. Als Musiklehrerin. Aber die Musik — na, vor allem macht sie jetzt hier die Musik der Revolutionsmänner mit. Ihr Freund war Maler, und sie kommt von der Musik her, und sie hat mir gesagt, was so die Jungen von der Kunst wären, die wären alle revolutionär — oder sie wären taube Nüsse.“

„Wir haben auch noch eine andere Jugend!“ sagte Horst lächelnd, mit Bedacht.

„Davon verstehe ich nichts. Aber — bei alledem ist mir nicht behaglich. Sie bleibt nicht bloß hier, um das Grab zu pflegen. Sie hat noch etwas anderes im Sinn. Was manchmal in ihren Augen umgeht! Und wenn man daran denkt, daß ihre Mutter im Wahnsinn geendet hat —! —“