Zagend, mit leiser Sorge blickte Horst in diesen Überschwang feuriger Gewißheit. Er hatte seinen Argwohn, und er fühlte, daß Enttäuschungen hier ins Leben greifen müßten. In dieses Leben, getragen von dem Selbstvertrauen des Häuptlings, das durch Geschlechter angezüchtet war.
Selbstgewißheit! Und kommt es nicht darauf an? Ist das nicht der Kern alles Wesens, alles Werdens, alles Schaffens! Ist das nicht die lebendige Urkraft, die schließlich ins Ewige uns finden läßt und zu Gott — die Gewißheit, das Gewissen! Beides dasselbe! Des Glaubens Inbegriff! Des Menschen Seele!
War ihm, Horst, genug von dieser Urkraft gegeben, genug zur Führerschaft? Immer wieder die Zweifel. Und die Gefahr des Zerbröckelns. Ja, wir sind mürbe geworden. Verwittert haben uns die Zeitenstürme. Hab ich selbst noch so viel innern Halt, den anderen ein Halt zu sein?
Wie hat es mich geworfen, als die erste Regung zur Fahnenflucht in unsere Reihen brach. War es ein Gefühl eigener Schuld? Hatte ich die Fahne nicht tapfer, nicht stark und treu genug getragen? Waren nicht meine eigenen Gedanken auf der Flucht gewesen? Wie oft hatte ich mich gesehnt — ja gesehnt nach meinen Büchern, nach Forschung, nach Wissenschaft, nach geistigen Fernsichten. Nach Einsamkeit auch, nach den Freuden stiller Entdeckungen, nach den Verzückungen und Verzauberungen in ungestörten Träumen.
Ja — wie an Ketten trug ich oft an meiner Pflicht. Und nur, weil ich selber schwankte und treulos werden konnte, kam dieses Wanken in die Reihe.
Ist es nicht eine erlesene Schar, die auf mich blickt? Ein Vorbild für mich, die ich ihr Vorbild sein soll. Und so ist es recht. Nur so ist die starke Gemeinschaft da. Wir haben sie. Hat Herr von Borkhus sie mit seinen Leuten? Ich fürchte, er träumt zu leicht. Hat er nicht ein reichliches Maß dieser lieben Leichtgläubigkeit, die so kindlich ist und ach, so deutsch!
Wie hat er sich selbst die Mannestreue des alten Strempel herausgeputzt, bei dem aus jeder Pore seines gelben Felles der kalte listige Gelegenheitsmacher schielt. Und richtig, jetzt ist der auch schon als Kronzeuge da.
„Lieber Horst, Sie kennen eigentlich von meinen Leuten nur den alten Strempel. Können Sie sich denken, daß der übermorgen zu mir sagt: ‚Sie müssen sich allein anspannen, ich fahre Sie nicht!‘ Können Sie sich das vorstellen?“ In seinen Blicken war eine unauslöschliche Heiterkeit.
Horst mußte wenigstens soviel sagen: „Meine Vorstellungswelt ist nun mal ein wenig aus dem Gelenk wie die ganze Welt überhaupt —“
„Hier dürfen Sie sie getrost wieder einrenken.“ Er winkte fast mitleidig mit der Hand. „Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Mich persönlich berührt ja der angeblich drohende Streik am wenigsten. Aus politischen Gründen aber habe ich die Herren aus dem Umkreis für heute nachmittag zu einer Besprechung gebeten. Sie waren auf der konstitutionellen Versammlung des Arbeiterverbandes — Ihre Eindrücke sind uns von Wert.“