Herr von Güldenbek, der Mann der Saatkartoffeln, strich durch seinen grauen, in konservativer Unbeschnittenheit wallenden Vollbart, legte die väterliche Hand auf Horstens Schulter und sprach gewinnend: „Solche Männer wie Sie braucht das Vaterland.“ Und der Nebengedanke war bei ihm wie bei manchem andern: auch wir brauchen Dich, Deine Mannschaft und Eure Maschinengewehre, wenn es hier zum Ausstand und zu Unruhen kommen sollte.

Gleich wurde denn auch wie auf Stichwort der eben ergangene Regierungserlaß über die Waffenablieferung besprochen.

Horst erklärte: „Ich muß die Hände kennen, in die ich meine Waffen liefern soll. Ich kenne diese Hände nicht.“ Da nickten ihm alle lebhaft zu, freudig und beruhigt.

Und dann wurde der sogenannten Regierung aufgespielt. Dies war die Weise, auf die man sich hier verstand. Wie oft hatte man auch dem alten geheiligten Regiment frondiert. Und nun dieses régime de canaille! „Den schiefen Absätzen dieser Usurpatoren den Nacken hinhalten —!“ So sagte Herr von Seddewitz, und es funkelte sein scharfes, abgewetztes Gesicht.

Hoch gingen die Wellen. Teilnahmlos wie all die Stunden schon blieb Herr von Borkhus. Immer wieder waren durch seine tiefen Augen die Schatten gezogen. Dann sprach er leise: „Wie gleichgültig im Grunde, wer da oben sitzt — wer die Satrapen sind über unserem Sklavenvolk.“

Damit ist die große Fuge der deutschen Passion angeschlagen. Und sie zittert durch die Seelen. All diese Männer — ihrem Eigenwillen fehlt es gewiß nicht an Eigennutz. Von größter Unbefangenheit sie alle in der Bejahung ihres Besitzes, ihres Herrentums. Sie können gar nicht aus ihrer Haut. In der sie so grad gewachsen sitzen. Nicht alle haben sie die Hände reingehalten. Aber jeder von ihnen hat dem Vaterlande mit Leib und Leben gedient. Jeder von ihnen ist im Felde gewesen. Kaum einer, der nicht für Deutschland geblutet hat. Der deutsche Klang bebt in jedem Herzen. Selbst in dem, was von dem Tangentiner noch nicht ganz verdorrt ist, brennt es wund und tödlich schmerzhaft von Schande und Ingrimm.

Unerschöpflich Neues trugen sie zusammen von den unaufhörlichen, täglich sich mehrenden Erpressungen, Blutsaugereien, Schändungen und Folterungen an dem wehrlosen deutschen Volk. Wie durch einen Wald rauschte der mächtige Zorn durch die versammelten Männer.

Einer saß stumm, wohl der Jüngste von ihnen. Horst hatte den Namen nicht verstanden. Aufgefallen waren ihm gleich die geradezu klassisch geprägten kraftvollen und edlen Züge des bartlosen Gesichts. Ebenso das wunderbare Ebenmaß des mittelgroßen Wuchses. Wie von Bronze die ganze Gestalt. Aber in den Augen, so fest und hart sie greifen konnten, war doch ein Verlorenes, Zerstörtes. Auch ein Gezeichneter der Zeit. Jetzt, wo ein Nachbar sich laut an ihn wandte, erfuhr Horst, wer er war — Achim von Mönkhov, Frau Tildes Mann. Prüfend gingen die Gedanken von ihm zu ihr.

Nun sprach er. Etwas seltsam Graues, Trockenes, unwillig Starres hatte die Stimme. Wie Asche lag es auf all seinen Worten.

„Größer ist Deutschland niemals gewesen — im Reden. Wie sieht dagegen unser Leben aus. In lauter armselige kleine egozentrische Kreise ist es zerfallen. Von großen Ideen ist nur eine geblieben: das große Einmaleins.“