Die Widersprüche stürzten nur so über ihn. Er blieb unbewegt. „Wollen uns doch nichts vormachen. Es gibt bei uns drei Sorten Menschen. Solche, die sich selbst betrügen, solche, die die anderen betrügen, und solche, die beides tun. Zu welch letzteren neunundneunzigdreiviertel Prozent gehören. Nun wollen wir uns jeder seinen Platz suchen und uns begraben lassen.“

Das alles in dem unerbittlich grauen Ton. War es der Nihilismus einer düsteren Stunde? War es das Weltbild eines erloschenen Lebens?

Herr von Trent, der wie ein müder Marquis aussah, hatte sich erhoben. Behutsam machte er ein paar Schritte — er hatte Beine wie ein Rokokomöbel. Wandernd suchte er nach Worten, die Entrüstung zu beschwören, und er fand sie. „Wir wissen, daß unsere Moral reparaturbedürftig ist. Was die Moral übrigens zu allen Zeiten war — was vielleicht recht eigentlich zum Wesen aller Moral gehört. Gewiß, unser Niveau ist gesunken. Aber die Anständigeren unter uns oder“ — mit einem Zucken des Lids zu Achim hinüber — „die weniger Unanständigen unter uns werden dies Niveau wieder heben. Trotz Ihrer Verneinung, die absolut ist, wenn sie sich auch in der Abstufung hellschwarz, schwarz, dunkelschwarz gefällt. Um des Himmels willen nur hier die Loslösung von dem Losgelösten, dem Absoluten! In der Ethik hat schon immer die Relativitätstheorie gegolten. Und die Besseren unter uns — so sage ich nach wie vor — werden heute mehr als je an einer großen sittlichen Idee ihren Halt und ihren Mittelpunkt haben. An der Idee des Vaterlandes.“

„Und worauf läuft Ihre große sittliche Idee des Vaterlandes hinaus?“ fragte Achim, und die Asche seiner Stimme beizte. „Auf die größte Unsittlichkeit, die Rache.“

Oho, dachte Horst. So ruft sich nun der Nihilismus den höchsten Positivismus zur Hilfe.

Jetzt ließ Herr von Borkhus sich vernehmen. „Die Rache ist mein, spricht der Herr. Gut, ihm wollen wir sie anvertrauen. Er unser Führer! Das Werkzeug seiner Rache sein, mehr wollen wir nicht. Aber Rache — der Herr spricht ja selbst davon. Und wenn wir sie brauchen für unser Leben! Wenn sie unsere Rettung ist! Wenn wir elend verrecken — im Dreck und in Schande — ohne diese befreiende Hilfe! Ein Teil unseres Gottesglaubens ist diese Rache!“

Er hob sich wie ein Priester. Seine Brust keuchte, seine Augen kreisten in Flammen. Dann sank er zurück und blickte wieder dumpf vor sich hin, leidend und matt.

Horst wollte nicht länger schweigen. Doch hielt er sich mit Bedacht in niederer Flugbahn. „Wir haben ein Wort: ‚die Scharte auswetzen‘. Gibt es ein Mannesleben ohne den treibenden Pulsschlag, Erfolg auf einen Mißerfolg zu setzen? Schimpf mit Ehre auszulöschen, Verachtung mit Ruhm? Und wie der Mann, so das Volk. Was ist die Schwungkraft, die die Geschichte der Völker bewegt? Vergeltung! Und immer wieder Vergeltung! Sofern wir überhaupt ein Volk sind, sofern wir nicht außerhalb der Geschichte stehen, wir uns selbst nicht außerhalb der Geschichte stellen — so lange noch der leiseste Hauch eines lebendigen Atemzuges durch dieses Volk geht und noch ein Mannesherz aufzucken läßt, Vergeltung ist der Odem des Lebens! Vergeltung sein Wert und seine Höhe!“

Jetzt brausten die Geister und brausten ihm zu. Nur Achim blickte teilnahmlos und gefroren. Selbst der Tangentiner, der ein wenig abseits mit dem Saatkartoffelbaron der deutschen Seele auf dem Felde der Kartoffelpreisbildung nachzuspüren gedachte, ging steil empor. Wäre Alarm geblasen gegen den Landesfeind, der erste wäre er auf dem Gaul gewesen. Man mochte sagen gegen ihn, was man wollte — aber jeder Zoll seines langen Leibes war Kurage.

Mit diesem Akkord klang die Besprechung aus. Mitteilungen von Horst über die Landarbeiterversammlung wurden nicht mehr verlangt. Zu politischen Entschlüssen war man nicht gekommen und würde man vorerst nicht kommen. Der Entwicklung der Dinge sah man mit geziemendem Männermut entgegen. Abwarten, Teetrinken! — mit diesem deutschen Worte des Heils ging man auseinander.