Kunz war nur zweimal in seinem immerhin bewegten Leben verlegen gewesen. Dies war der dritte Fall. Und er fragte etwas, wie ein Schuljunge, wußte selbst nicht wonach: ob er hier zum Herrn Pastor käme?

Da oben der geschürzte Mund bewegte sich nicht, die Augen blieben drohend — nur durch das rechte Bein ging ein kurzer Ruck, und die Fußspitze wies den Weg nach rechts.

Kunz wurde ratlos. Ratlosigkeit war ihm das Weltenfernste. So wurde er sinnverwirrt, und seine Haltung zerfiel. Er wollte lachen, aber es wurde nur so ein geohrfeigtes Lächeln, und eine Heftigkeit stieg ihm in die Kehle. So kam es denn stoßend heraus: „Sagen Sie mal, sind Sie stumm? Oder verbergen Sie einen Zungenfehler?“

Nun wurde aus dem eisigen Drohen da oben eine spitze Niederträchtigkeit. „O nein — aber ich kann die dicken Menschen nicht leiden.“

Kunz, der Arme! Dieses war nun tödlich. Hier gab es keine Rettung. Jetzt lag er platt auf der Nase. Ein Kübel Eiswasser war ihm über den Schädel gegossen. Schauernd lief es ihm die Rückenrille hinunter. Bis in Mark und Seele fror es ihn aus. Nützten ihm die verzweifelten Hilferufe seiner Selbstgespräche? Dick — dick! Ich bin nicht dick! Daß ich diesen unglückseligen Kartoffelkopp habe —! Aber meine Glieder — könnt ich die zeigen! Ja — geschlemmt hab ich ja wohl ein wenig — in Wildbraten — gewildertes schlägt besonders gut an — aber dick — um des Himmels willen — dick —! —

Der Mantel ist schuld! Dieser elende Sack, den sein Vetter, der bauchige Generalstrebler, ihm vererbt hat!

Runter mit den Lumpen! Reißt den Mantel ab — wirft die Mütze hin — stürzt sich auf das Reck — nur die eine Wiedergeburt seiner Ehre gibt es — die schnippische Sylphide da oben flattert entsetzt auf und hängt dann bebend an dem einen eng umarmten Pfosten — Kunz hat die Stange ergriffen — schon fliegen die Beine hoch — fliegen zurück — und nun in tadellosem Riesenschwung schlägt der gestreckte Leib Rad durch die Luft — einmal — zweimal — dreimal — viermal —

Da aber, in dem wütenden Eifer, versagen die Hände — sie gleiten von der glatten Stange — in hohem Bogen wird der Körper weit fortgeschleudert und fällt schwer wie ein Klumpen in dem Gesträuch dumpf auf die Erde.

Mit geisterhaften Eulenaugen hockt die Turnerin da oben — wie in eine Vision geschreckt und gebannt — dann gleitet sie zu Boden in die Wirklichkeit — jetzt weiß sie, was geschehen ist — ein Unfall — dem Gestürzten helfen —! —

Sie läuft in das Gebüsch — da sitzt er, mitten in einem dornigen Stachelbeerstrauch — die eine Backe ist blutig geritzt — er fühlt mit den Fingern hin — dann beschmiert er sich lustig indianermäßig das Gesicht mit Kringeln und Schleifen — legt die Arme übereinander wie ein Götzenbild — verbeugt sich im Sitzen vor der scheu sich Nahenden und verkündet hohl: „Mein Name ist Rutenberg.“