Lud, der gute, fühlte es, wie die giftige Glut wieder in ihr auflohen wollte. Er nahm mit seiner vollen zärtlichen Pranke ihren Arm. „So, Lütt, jetzt kommst Du mit rein, wir kochen uns einen Sonntagsnachmittagskaffee. Und Du läßt Dir vom Moor etwas vormusizieren.“

Als sie beisammensaßen, klopfte es, und Horst trat in die Stube. Der Alte, der ihm zugetan war, hieß ihn herzlich willkommen. So setzte er sich zu ihnen. Zuerst heizten sie mit Torf die Unterhaltung. Horst brachte eine gute Nachricht. Die alte Schlickeysensche Torfmaschine, die lange unbrauchbar gelegen hatte, weil niemand hatte entdecken können, was ihr eigentlich fehlte, war von einem seiner Leute wieder instand gesetzt worden. Jetzt konnten sie also kräftig ins Zeug gehen!

Horst war fröhlich und frisch. Mit einer kleinen bewußten Grausamkeit ließ er diesen Erfolg der Siedlung ausklingen. Er wußte, daß alles, was mit ihr zusammenhing, Lona zuwider war, die abgekehrt und verschlossen dasaß. Mit diesem hochmütigen Gesicht und den in sich gekehrten, den umgekehrten Augen, die er kannte. Sein Frohmut sollte der Abhängigkeit wehren.

Das Weib in ihr hatte längst gespürt, daß sie auf ihn wirkte. Ebensogut empfand sie, wie er jetzt dieser Wirkung widerstrebte. Daß er sich schützen wollte, bestärkte sie im Bewußtsein ihrer Machtmittel. Aber sie war nicht verschlagen, nicht verschmitzt und tückisch genug, um erotische Listen in den politischen Kampf zu tragen. Judithregungen kleineren oder größeren Formats lagen ihrer Natur fern. Ehrlich wie ihr Schmerz um den getöteten Freund, ehrlich wie ihre kommunistische Überzeugung war ihre Feindschaft, ihr Haß, ihre Rachsucht. Vielleicht, daß aus dieser Wahrhaftigkeit die Kraft stammte, der Horst sich nicht entziehen konnte.

Schon war sein Mitleid wieder obenauf, stärker als der Hang, an ihrem Hochmut, dem unleidlichen, sich auszulassen. Und wieder lockten ihn die Geheimnisse ihres Wesens, ihres Lebens, ihres Wirkens.

Heut brech ich den Bann! Ist sie nicht auch ein Mensch, ein Weib, ein junges Weib — mehr als Dogma, als Klage, als Anklage und Rache? Atmet sie nicht den Frühling wie wir? In dieser Breite, die ihre Heimat ist!

Wer kann von der Heimat sich lösen? Niemand, auch sie nicht. Hat etwas die Macht, diesen einen Klang in uns auszulöschen? Nichts auf der Welt, kein Unglaube, kein Glaube, kein Fanatismus in Gedanken und Gefühlen, keine Ekstase, keine Verdumpfung — selbst in unsern Wahnsinn tönt der Klang hinein. Und mag sie noch so gefangen sitzen in ihrem starren System — was sind Mauern für diesen Klang?

Sie ist in der Heimat, die vom Frühling erschauert. Was bleibt bestehen von der Welt, die sie sich aufgebaut hat in der künstlichen Mühsal keuchender Gedanken! Hier ist nun einer, der den Frühling Deiner Heimat mit Dir atmet — er pocht an Deine Verschlossenheit. Wird ihm nicht aufgetan?

Sprichst Du nicht mit deutscher Zunge wie er? Ist nicht in Dir wie in ihm deutsches Leben — ob es an ungleich gestimmte Saiten rührt? Sind nicht beide in Not, er wie Du! Sind beide nicht Suchende, Klimmende, Steigende — wenn auch auf verschiedenen Wegen, wenn für den einen der andere auch in die Irre geht!

Und vor Horst leben die Worte Gisberts auf — was reden wir immer und immer von den Unterschieden! Das Gemeinsame sollen wir suchen, des Gemeinsamen sollen wir uns bewußt sein, immer und immer!