Sie stutzte. Was weißt Du und was willst Du von mir? Dann ging sie den Zusammenhängen in seinen letzten Worten nach.

Horst aber, da er jetzt bei „musikalisch“ war: „Uhlenbrook — Meister — die Goldberge klingen ja — deutlich hab ich das gehört!“ Jungenaugen glänzten dazu, wie voll von leuchtendem Märchenschreck.

„Wenn Sie das gehört haben,“ sagte der Alte, „dann sind Sie auch einer von den Erlesenen.“

„Erlesen? Wozu?“

„Jetzt will ich Euch erzählen, was das mit den Goldbergen ist.“ Wie die Sage saß er in seiner Tabakswolke. „Da liegt ein König begraben, ein Heerkönig, ein Seekönig. Der Mächtigste, den es gegeben hat. Der Reichste an Taten, an Ehren und an Schätzen. Alle Meere hat er befahren, von allen Küsten brachte er Gold und Gut nach Hause. Das deutsche Meer aber war sein Reich, hier durfte niemand fahren ohne seinen Willen. Mehr Jahre hat er gesehen, als die anderen Menschen und war darum auch weiser als sie. Und wie es zum Sterben mit ihm ging, da befahl er, daß alle seine Schätze mit ihm ins Grab gesenkt würden. Schätze darf man erwerben, aber nicht vererben. Er sah seinen Nachfolger — und sah den Verfall seines Reichs. Mit einem Fluch über jede gierige Hand, die an das begrabene Gold rühren würde, streckte er sich auf sein Sterbelager. Denen aber, die nichts für sich selber wollen und begehren, die alles, was sie selber haben und selber sind, dem Volke darbringen, denen klingen die Stimmen aus dem Grunde. Denen singt das versenkte Gold. Ihre reinen Hände sollen es heben, ihnen soll es die Macht mehren, daß sie dem Volke helfen zu alter Herrlichkeit.“

Horst überlief es wie leise zitternde Runen. Lona aber blickte wieder voll Hohn.

„Und das Reich des alten Königs zerfiel. Und das deutsche Meer war nicht mehr deutsch. Sein Nachfolger wollte mit habsüchtigen Händen die Schätze sich heraufholen, da erschlug ihn ein Nebenbuhler. Den aber meuchelte ein anderer. Die Herrlichkeit kam nicht wieder herauf. Weil die Sinne gierig waren und die Hände nicht rein. Und wie um den Kyffhäuser die Raben, fliegen die Raubmöven um diesen Berg. Wenn aber eines Menschen Fuß seine Höhe betritt, zu altheiligen Zeiten, zu Frühlingsanfang, zur Tag- und Nachtgleiche, in der Thomasnacht, der längsten des Jahres, der ersten der wilden Nächte — und es tönt dann das Klingen zu ihm auf, so ergeht an ihn der Ruf. Zum Helfer bist Du erkoren! Bleib getreu und halte Dich bereit!“

Bleib getreu und halte Dich bereit, so klang es nach in Horst. Und ihn störten ganz und gar nicht Lonas hochgezogene Lippen.

Sie schwiegen eine Weile. Jeder blieb bei seinen Gedanken. Das deutsche Meer soll wieder deutsch werden! so flammte und lebte es in Horst.

Jetzt nimmt Lona das Wort. „Es spricht ja wohl so mancherlei für den alten Herrn Deiner Sage. Obwohl sein großartiger Standpunkt: das Gold ist verflucht, stiehl Du also möglich viel für Dich zusammen, damit es den andern nicht schadet — obwohl dieser Standpunkt ein Maß von Edelmut bekundet, wie ihn nur der Kapitalismus aufbringen kann. Im übrigen — warum die Deutung seines Vermächtnisses nun gerade in Patriotismus und in Hurra auslaufen muß? Reine Hände und das Wohl der Gemeinschaft — was heißt das anderes, als daß sich niemand mit eigenem Besitz besudeln soll!“