Über Horst leuchtete eitel Friedfertigkeit. „Ist das nicht das Wundervolle an unseren Sagen, daß sie mehr sind als ihre Deutungen? Daß sie alle beschenken, alle beglücken!“

Lona gab nichts darauf. Sie lehnte sich zurück und sagte dann in ihrer laschen Überlegenheit: „Der eine Gedanke, muß ich ja sagen, macht mir gerade hierbei ganz besonderen Spaß. Wie Ihr Teutonen immer über die Juden herzieht mit ihrem goldenen Kalb. Und über ihre Psalter mit dem Golde aus Reich Arabien. Seht Euch doch einmal Eure eigenen Überlieferungen an. Um was geht es denn bei Euch? Nur und immer! Da ist das Rheingold — da ist der Nibelungenhort. Im Waltarilied — diese begeisternden Kämpfe Eurer Urzeithelden, in denen sie sich frohlockend Arme und Beine glatt mit dem Schwerte abschlagen, um was werden diese Heldenkämpfe geführt? Um den Hunnenschatz, den der edle Walter dem alten Etzel ausgespannt hat. Und dann im ganzen Mittelalter, diese König- und Kaiserkämpfe! Wer den Kronschatz hat, hat auch die Mannentreue. Die Geschichte dieses Buschkleppertums — läuft sie nicht weiter durch die folgenden Jahrhunderte? Und geht es nicht in derselben Tonart fort bis in unsere Tage? Was sagt Ihr dazu, Ihr Weisen aus dem Abendlande? Wie heißt doch Euer Sprichwort? Treu wie Gold!“

Verdrossen winkte sie selber sich ab, und Horst hatte keine Neigung nun groß sein Streitroß aufzuschirren. Wogegen? Gegen eine blendende äußere Dialektik, die an dem tieferen Wesen der Dinge vorbeijongliert?

Er sagte nur ein bedächtiges Wort, das nicht angriff: „Solange das Gold konzentriertes Brot ist —! Und solange der Mensch Brot zum Leben nötig hat —! Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Sie wollten beide nicht die Klingen kreuzen. Auch in ihr kam eine Sehnsucht nach Stille auf, eine Lust, sich zu dehnen und die leisen Schwingungen des Frühlings aufzunehmen wie ein streichelndes Heilmittel für die wehen Nerven und das müde Blut.

Lud Uhlenbrook hatte die Blicke auf seinem Moor. Dabei stöhnte er unsäglich. So brüllt nur das Glück. Rehwild zog äsend an dem Waldrande hin. Durch die leichten Zirruswolken streute die Nachmittagssonne wehende Lichter wie Blütenflocken auf den grünlichen Dämmer der erwachenden Gräser. Fröhlich kreisend schwangen sich Kibitze über den Wiesen.

Der Alte paffte seinen Knasterdampf vor sich. Dadurch sah ihm seine Welt noch zauberhafter aus. Mit einer fröhlich herben Absage an die beiden: „Wenn ich dies hier habe — was geht mich das da draußen an! Ich pfeif auf Euren Kram! Schlagt Euch die Köpfe ein, daß ich was zu begraben kriege! Der Moordeubel bin ich, und der Torfdeubel bleib ich und dem lieben Gott sein Lieblingsdeubel dazu! So — und wenn einer gegen mein Moor was sagt —! —“

Lona regte sich. „Ich sag was, Lud Uhlenbrook. Du stehst vor Deinem Moor wie der Ausrufer vor seiner Schaubude. Aber lauter Freud und Wonne ist es wirklich nicht mit ihm. Ich bin da vor kurzem ganz gefährlich in den Sumpf geraten — ein paar Schritte weiter, und Du hättest mich in Deinem Raritätenkabinett gehabt.“

„Ja“ — und nun wurde der Alte großäugig angstvoll und warnte schwer, „wie darfst Du auch weglos auf ihm herumabenteuern!“ Die Pfeife wollte ihm ausgehen.

„Und ganz übel,“ fuhr Lona fort, „ist dieser Fluß, der sich da hindurchwindet, schwarz, träge und drohend. Ein Fluß, der nicht fließt, der tückisch schleicht — er plätschert nicht, er rieselt nicht, er schult nur immer düster nach einem hin. Und seine angefaulten Weiden, denen alle struppigen Haare sich sträuben — menschenfreundlicher machen sie ihn nicht.“