Wir gingen. Lawrence nahm im Tunnel den Knotenstock wieder unter den Arm. Ich bemerkte es, weil er mich damit heftig in die Magengegend stieß. Es war der Ausdruck seiner Befriedigung. Dann lief er weiter, als ob er feurige Kohlen in den Stiefeln hätte. »Jetzt rasch, solange wir noch warm sind, in die Konkurrenzbude!« sagte er, mehr für sich als zu mir. Unser Ziel befand sich in derselben Straße, nur zwei »Blocks«, zwei Häuserviertel, entfernt; ein prächtiger, noch im Bau begriffener Palast, an dessen Steinfront der Titel der Zeitung: »The Crescent City News« in goldenen, riesengroßen Buchstaben prangte. Eine prachtvolle Marmortreppe, deren vergoldete Eisengeländer man anzuschrauben im Begriff stand, führte in die hellen, luftigen Drucksäle. Alles glänzte und funkelte hier, und selbst das Maschinengerassel hatte einen schärferen Klang als beim Nachbar. Auch flogen die Abendzeitungen nicht unordentlich aus allen Winkeln heraus wie dort. Ein schwarz gekleideter Herr empfing uns an der Tür eines geräumigen Bureaus, wohlwollend und würdig, so daß ich ihn für einen Geistlichen zu halten geneigt war. Es war Herr Smithson, der erste Redakteur der »Crescent City News«. Er war entzückt, Herrn Lawrence zu sehen, entzückt, daß Herr Lawrence mich mitgebracht hatte, direkt aus England. Er rang mit meiner Hand, als ob er sie aus dem Gelenke schütteln wollte. »Entzückt, Herr Eyth, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ein Deutscher aus England, höchst interessant! Wie gefällt Ihnen dieses herrliche Land?«

Mister Smithson bot uns zwei große, mit braunrotem Leder überzogene Armstühle, aber keinen Rum an. Ich war ihm wahrhaft dankbar dafür, Lawrence dagegen ließ seine Blicke fragend im Zimmer umherschweifen: nirgends die Spur einer Flasche. Die Tatsache war in die Augen springend: Smithson war nicht bloß ein Yankee, er war ein Mäßigkeitsapostel. Zum erstenmal glaubte ich durchzufühlen, daß Lawrences überwallendes Herz ein wenig sank.

Der Redakteur dagegen blieb freudig erregt. »Dampfpflüge!« rief er, mir nochmals die Hand schüttelnd, »und schon auf dem Wege! Sehr schön! Im Begriff zu arbeiten; ausgezeichnet! Dem unglücklichen Neger, dem bedrückten Mitbruder die Last der Arbeit abzunehmen, welch glücklicher Gedanke; welch großes Ziel Ihres Wirkens, Herr Eyth! Die Rasse bedarf der Erziehung; unter uns muß ich dies zugeben. Aber wie kann sie erzogen werden, wenn sie nach wie vor vor den Pflug gespannt bleibt, um der alten verkommenen Aristokratie des Landes Sklavendienste zu leisten? Ich frage Sie, Herr Lawrence, als Mann den Mann, als Christ den Christen: Wie wollen Sie den Neger erziehen, solange er am Pflug zieht? Da kommt Herr Eyth mit seinem Dampfpflug, und die Sache ist gemacht. Große Gesichtspunkte; ich halte mich an große Gesichtspunkte! Nur indem wir an großen Gesichtspunkten festhalten, können wir den fürchterlichen Bürgerkrieg zu einem Segen für unsern teuren Süden ausgestalten. Nur so wird einem Volke von Brüdern die Kraft wiederkehren, das sternbesäte Banner der Union über dem unteilbaren Kontinent zu schwingen.«

»Das war Mister Eyths Ansicht schon von Kindesbeinen an!« rief Lawrence mit Überzeugung.

Smithson drückte auch ihm die Hand. »Dampfpflüge!« fuhr er fort, fast ohne Atem zu schöpfen. »Ich habe sie längst mit Spannung erwartet. Allerdings habe ich noch nie einen gesehen, aber in unserm Norden, in Philadelphia, in Cincinnati, in Chikago sind in diesem Augenblick Hunderte im Gang! Meine Landsleute, Herr Eyth, sind ziemlich erfinderisch und warten gewöhnlich nicht darauf, was Sie drüben in der Alten Welt machen; – Hunderte!«

»Das heißt,« – begann ich, bestrebt, ein paar Worte einzuschalten, kam aber nicht weiter.

»Das soll uns natürlich nicht hindern, den vortrefflichen Apparat gebührend zu würdigen, den Sie uns bringen. Sie wünschen natürlich eine präliminare, eine hervorragende präliminare Anzeige Ihrer Bestrebungen im redaktionellen Teil der ›Crescent City News‹. Vortrefflich! Fünfzig Cents die Zeile. Die Sache muß diesen Herren im Süden eindringlich ans Herz gelegt werden. Wie alt sind Sie? Wo sind Sie geboren? Sind Sie verheiratet?«

Ich kämpfte abermals, und sichtlich ebenso vergebens, gegen diese Art, die Dampfkultur dem Publikum näher zu bringen. Auch hier ließ mich Lawrence völlig im Stich und hetzte den sprachseligen Redakteur nur noch tiefer in seine Forschungen nach meinem Stammbaum und nach andern Einzelheiten, die für ihn von Interesse gewesen wären, wenn ich seine Tochter hätte heiraten wollen. Ich ergab mich schließlich und erzählte ihm alles, was mir aus meinen Jugendjahren einfiel. Er schien befriedigt.

»Sehr schön! Höchst interessant!« rief er schließlich. Als ich selbst im besten Zuge war und ihm die Herkunft meiner Mutter aus einer Schweizer Adelsfamilie erklären wollte, glaubte er genug zu wissen und steuerte plötzlich rückwärts. »General Longstreet steht an der Spitze der Sache, wie Sie mir sagen; ein vortrefflicher Mann, der leider auf die falsche Seite geraten ist. Nehmen Sie sich ein wenig in acht, Herr Eyth, daß Ihr Dampfpflug nicht allzu konföderiert wird. Mister Lawrence versteht mich; er kennt beide Seiten; ein vortrefflicher Mann, Mister Lawrence! – Also Longstreet wird ein großes Frühstück geben, ehe Sie zu pflügen anfangen. Ausgezeichnet! Wir werden einen Berichterstatter schicken, wenn ich nicht selbst kommen kann. Ich hoffe, ich werde selbst kommen können! Doch möchte ich um Limonade bitten; nur Limonade für mich! Adieu, Herr Eyth. Time is money! Die Rechnung für die heutige redaktionelle Anzeige werde ich Ihnen schon morgen zusenden können. Es war mir höchst angenehm! Adieu! Adieu!«

Damit komplimentierte er uns durch die Druckerei.