»Ich wende mich an Sie, meine Herren«, rief er, »vertrauensvoll, schmerzbewegt! Wir haben ein gemeinsames Ziel: unsre Grundsätze der Wahrheit und Freiheit der deutschen Welt unsers großen neuen Vaterlandes täglich zu verkündigen, das Panier der Gleichheit und Brüderlichkeit, ohne Ansehen der Farbe unsrer Leser, im Süden voranzutragen. Wir haben dieselben Freuden, dieselben Sorgen. Im Schweiß unsers Angesichts haben wir wieder vierzehn Tage lang der großen Sache gedient. Die Zahl unsrer Abonnenten ist um fünf gestiegen; das Ergebnis des Straßenverkaufs hat jedoch bedauerlicherweise abgenommen, da unser tätigster Austräger samt seinen Freitagsexemplaren spurlos verschwunden ist; Fritz Kleile ist mit einem kleinen Vorschuß aus unsrer Mitte geschieden, ich fürchte, für immer. Sie, meine Herren, waren schon gestern berechtigt, den sauer verdienten Lohn für Ihr aufopferungsvolles Wirken aus meiner Hand zu empfangen. Ich mußte Sie auf heute vertrösten. Meine Herren, auch heute ist unsre Kasse« – der Redner hob ein Blechkästchen, das neben ihm stand, in die Höhe, öffnete es feierlich und zeigte nach allen Seiten das glänzende Vakuum seiner Innenseite – »diese unsre Kasse ist leer! Wollen Sie sich gefälligst selbst überzeugen«, fügte er in vertraulichem Tone bei, indem er sich an seine nächsten Nachbarn, einen grimmigen alten Setzer und zwei schmächtige zwölfjährige Jungen, wandte, die ihn hungrig ansahen.

»Aber wo der Teufel ist das Geld von gestern?« fragte einer der fünfzehn, dessen trockene Kehle eigentümlich krächzende Laute hervorbrachte. Der Mann war sichtlich übermäßig durstig.

»Sie haben ein Recht, diese Frage aufzuwerfen, verehrter Freund!« entgegnete der Redakteur mit einem mitleidigen Blick auf den Sprecher. »Ich werde sie beantworten. Wir hatten das Unglück, gestern abend den Besuch des Geschäftsführers unsres Papierlieferanten zu empfangen. Ich stand vor der peinlichen Gewißheit, der heutigen Ausgabe der ›Deutschen Zeitung von Louisiana‹ papierlos entgegensehen zu müssen. Ich hatte die Wahl, den nicht ganz unberechtigten Forderungen des unerbittlichen, ich darf sagen, herzlosen Geschäftsmenschen zu trotzen und damit uns alle zu vernichten oder ihm den Inhalt unsrer Kasse einzuhändigen. Da gedachte ich Ihrer Seelenstärke, meine Herren, gedachte der deutschen Treue, die sich in schweren Zeiten seit zwei Jahrtausenden bewährt hat. ›Besser,‹ sagte ich, ›noch einmal ohne Geld vor meinen Freunden zu erscheinen als ohne Papier.‹ Und nun« – der Ton des Redners wurde um eine halbe Oktave tiefer, seine Stirne legte sich in Falten und sein blonder Haarbusch schien in die Höhe zu steigen – »und nun, meine Leidensgenossen, frage ich Sie. Sie selber werden entscheiden. In Ihre Hand lege ich das Panier unsrer großen Sache. Wollen Sie – ja oder nein – wollen Sie nochmals zwei Wochen ungelohnt in alter Treue Ihre Pflicht erfüllen? Oder wollen wir gemeinsam das sinkende Schiff verlassen und jeder für sich an unbekanntem Strande eine zweifelhafte Rettung suchen? Im ersteren Falle« – er verfiel plötzlich wieder in den gemütlichsten Gesprächston, in welchem er alle wichtigeren Teile seiner Rede vorzutragen schien – »im ersteren Falle bekommen Sie vorläufig allerdings noch einmal nichts, aber es wird ohne Verzug weitergedruckt. Im zweiten Falle schließe ich die Bude, und Sie bekommen auch nichts.«

»Weiterdrucken!« riefen die zwei hungrigen Jungen mit vor Begeisterung glänzenden Augen.

»Abstimmen!« stöhnte der Durstige.

»Abstimmen!« riefen noch drei oder vier der Älteren, und so kam es nach den besten Regeln eines in Trübsal geläuterten Parlamentarismus zur namentlichen Abstimmung. »Herr Faktor Müller?« – »Weiterdrucken!« – »Herr Setzer Kunze?« – »Der Teufel hole die ganze Bude samt dem Herrn Redakteur; schließen!« – »Der nächste?« – »Weiterdrucken! – Weiterdrucken! – Schließen! – Weiterdrucken!« und so weiter.

Die Abstimmung war rasch beendet. Der Redakteur tat einen tiefen, theatralischen Atemzug und begann wieder: »Meine Herren und Freunde! Das Ergebnis unsrer Abstimmung ist das erwartete. Die deutsche Treue hat auch auf fremder Erde abermals glänzend gesiegt. Sieben Stimmen sind für den Schluß der Bude, acht fürs Weiterdrucken. Die gute Sache ist gerettet. Wie ein Phönix wird das Panier der ›Deutschen Zeitung von Louisiana‹ aus der Asche dieser vorübergehenden Prüfung erstehen, und Arm in Arm mit dem sternbesäten Banner dieses großen und freien Landes« – er hielt plötzlich an, wie wenn ihm etwas Wichtiges eingefallen wäre – »Meine Herren! Ich bitte die Herren Setzer, sich an ihre Plätze zu begeben. Es ist die höchste Zeit, wenn die Abendzeitung rechtzeitig auf die Straße kommen soll. Und, bei Gott, wir müssen heute abend etwas Geld haben. Was eingeht, wird verteilt. Rasch an die Arbeit, meine Kinder! – Was wünschen Sie?«

Das galt mir. Der kleine Bienenkorb war in einer halben Minute in voller Tätigkeit. Der Redakteur, Herausgeber und Eigentümer der »Deutschen Zeitung von Louisiana« trocknete sich den Schweiß von der Stirne und gab mir vorsichtig die Hand. Ich war ein Landsmann. Sollte ich gekommen sein, ihn anzupumpen?

»Sie kommen in einem nicht ganz glücklichen Augenblick, verehrter Herr!« sagte er, ohne jedoch im geringsten verlegen zu sein. »Das nennen wir den Kampf ums Dasein. Er ist Ihnen vielleicht aus den neuesten Schriften eines gewissen Darwin bekannt. Hier sehen Sie die Theorien des großen Naturforschers in natura