»Es war mir höchst interessant, und ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem Siege«, sagte ich höflich. »Ich verstehe und würdige Ihre freudige Erregung, denn auch ich, Herr Doktor, –«
Er nickte freundlich.
»– auch ich bin damit beschäftigt, im Kampf ums Dasein ein kleines Gemetzel vorzubereiten.«
»Was? Doch nicht hier bei uns?« rief der Redakteur. »Sie haben gehört, wie es augenblicklich bei uns steht. Augenblicklich? Der Zustand ist chronisch, Verehrtester. Ich kann Sie nicht brauchen!«
»Vielleicht doch«, entgegnete ich zuversichtlich und erklärte ihm, um was es sich handle. Jetzt erst schüttelte er mir die Hand nach gut amerikanischer Art, und dann beide Hände wie ein Deutscher, der seinen längst erwarteten Schutzengel gefunden hat. Um fünfzig Dollar wollte er meinen Dampfpflug über alle Himmel erheben. Um die Hälfte, wenn ich sofort bar bezahle. Zwei Artikel von je zwei Spalten, die ich morgen selbst liefern könne, wenn ich wolle. Dies war in der Tat billig. Die Zeitung hatte ohne Zweifel wenig Einfluß und keine Abonnenten. Aber – wer weiß? – ein geschickt geschriebener Artikel aus dem Süden ging in andre Zeitungen über. Man war gegenwärtig in der ganzen Union neugierig, was in New Orleans vorging. Ich legte fünfundzwanzig Dollar auf den Tisch, lud den Redakteur zum kommenden Dampfpflugfrühstück ein und hatte in Doktor Wurzler nach seiner Versicherung den treuesten Freund gewonnen, den ich in diesem – ebenfalls nach Doktor Wurzler – gottverfluchten Süden finden konnte.
4. Wolken
Mit all diesen Seitensprüngen war es spät am Tage und höchste Zeit geworden, nach der Hauptsache zu sehen, von der alles andre abhing. Ein hastiges Gabelfrühstück, Mittag- und Abendessen, in einheitlicher Zusammensetzung, die eine Wirtschaft in der Kanalstraße bot, setzte die menschliche Maschine wieder in arbeitsfähigen Zustand. Aber es war fast Dämmerung, ehe ich auf die Levees einbog, um nach dem »Wilden Westen« zu fahnden. Der gewaltige, halbkreisförmige Landungsplatz, den der Mississippi gegen die Stadt hin ausgegraben und vertieft hat, lag schon in seiner Feierabendstille vor mir. Für eingeborene Landratten bleibt ein Seehafen, in welcher Form er sich auch darstellt, zeitlebens ein Anblick, der das Blut in lebhaftere Wallung bringt. Der Bogen der »Levees« von New Orleans, der zu einem großartigen Staden ausgebauten Schutzdämme der Stadt, macht hiervon keine Ausnahme. Man sieht, wie der gewaltige Strom schon hier, achtzig Meilen von der See, einen großen Kontinent mit den Meeren aller Weltteile verbindet. Gegen Norden reiht sich, enggedrängt, nur mit den Vorderteilen das Ufer berührend, Boot an Boot: die phantastisch verzierten, schwimmenden Paläste des Mississippi, des Missouri, des Ohio mit ihren Riesenrädern und ihren barock gekrönten Doppelschornsteinen; dazwischen auch kleinere Dampfer, unter ihrer Last von Baumwollballen und Zuckerfässern fast versinkend. Nach Süden liegen die Seeschiffe, schwarze, wuchtige Massen, die volle Breitseite gegen das Ufer gekehrt, haushoch aus dem Wasser ragend, die roten Schraubenflügel, unheimlichen Seeungeheuern gleichend, halb in der Luft, ihre stumpfen, trutzigen Kamine kaum über der Brüstung sichtbar. Noch weiter unten liegen die Segelschiffe: Schoner, Brigantinen und Dreimaster jeder Art und Größe, die mit ihren Rahen und Tauen eine zierliche, wenn auch unentwirrbare Filigranarbeit in den goldenen Abendhimmel zeichnen. Das sind die Gäste aus der Havanna und New York, aus Rio und Quebek, aus Genua und Stockholm, aus Liverpool und Southampton und vor allem aus der eignen Heimat, aus Bremen und Hamburg. Auf den Levees selbst, der riesigen Holzplattform, die sich in stattlicher Breite und mehrere Meilen lang zwischen Fluß und Stadt hinzieht, liegen Hunderte von Zuckerfässern, Tausende von Baumwollballen, Pyramide an Pyramide von Fäßchen mit gesalzenem Schweinefleisch aus Kentucky und Illinois, Berge von Mais aus Illinois und Missouri, alles hübsch geordnet und aufgestellt wie die Bataillone einer Armee, die vor dem Abmarsch ins Feld ihre letzte Parade erwartet. Dieses Bild beleben trotz der Abendstunde Gruppen von Negern, auf den Ballen umherlungernd, unermüdlich schwatzend und lachend, und da und dort ein paar Matrosen, die der Stadt zueilen, sichtlich entschlossen, mit leeren Taschen und schwerem Kopfe zurückzukehren. Doch der Lärm der Tagesarbeit war verstummt. Eine schwüle Stille lag über dem Ganzen, und der Mond, eine blutrote Riesenscheibe, stieg hinter der Stadt zwischen den Türmen der Kathedrale des heiligen Ludwig auf dem Jacksonsquare langsam in die Höhe.
Wo die Tschapatulastraße in den Landungsplatz einmündet, ragte ein gewaltiger, pechschwarzer Dampfer über die kleineren Schiffe heraus, die ihn umgaben, und sendete noch zarte Rauchwölkchen in den Abendhimmel empor. Er hatte die schmucklosen, trotzigen Formen englischer Frachtschiffe, die man überall auf den ersten Blick erkennt: keinen Bogen, keine Krümmung, die nicht unbedingt erforderlich war, keinen Farbenfleck, der seine dunkle Geschäftsjacke verunziert hätte. Das war mein »Wilder Westen«; es war unmöglich, sich zu irren.