Die nächsten fünf Tage verliefen in gewohnter Arbeit, wenn auch in etwas ungewohntem Geleise. Stone war eine große Errungenschaft und arbeitete fleißig mit Kopf und Händen. Bei den Negern war die Neugierde und der Eifer des ersten Tages allerdings rasch verdampft, aber die gutmütige und gutwillige Kraft des Herrn Bucephalus und die naseweise Intelligenz des kleinen Jem, der als der Schlauste der Bande die andern mit komischer Überhebung kommandierte, förderte die Zusammenstellung der Maschinen so, daß die Arbeit hinter dem üblichen Tempo nicht zurückblieb. Der junge Owen besuchte uns gelegentlich, beschäftigte sich aber allerdings ausschließlich mit dem geplanten Frühstück, mit dem der erste englische Dampfpflug auf dem Boden der Südstaaten seine rettende Tätigkeit beginnen sollte. Ich war hierfür von Herzen dankbar und überließ ihm mit Freuden die ganze Sorge für diesen, wie es schien, hochwichtigen Teil unsrer Aufgabe. – Lawrence stattete mir täglich zweimal seinen Besuch ab. Sein Bruder war noch immer im Norden. Er selbst wohnte im Hause seiner Schwägerin, einer reichen Kreolin, und war damit beschäftigt, Verkaufsverträge für den Zucker der nächsten Ernte abzuschließen. Dies hielt ihn noch auf mehrere Wochen in der Stadt zurück und gab ihm Zeit, sich dem Dampfpflug zu widmen, den er mehr und mehr als seine Schöpfung ansah und mit wachsendem Eifer unter seinen Schutz nahm. Seine Sonderaufgabe blieb die Leitung der Presse. Der »Picayune« machte schon zum drittenmal auf die bevorstehende Rettung des Südens aufmerksam, während die mir persönlich weniger bekannte »Tribüne« laut auf die großartige Feier hinwies, die bei dieser Gelegenheit im Ausstellungspark stattfinden und voraussichtlich die ganze landbesitzende Aristokratie Louisianas an festlicher Tafel vereinigen werde. Wohl zum erstenmal, nach langer, bitterer Unterbrechung, dürfte in greifbarer Weise die Erinnerung an den alten Glanz des Südens wieder auftauchen. Ohne indiskret zu sein, glaubte die »Tribüne« darauf hinweisen zu können, daß Monsieur Mercier, der Chef de cuisine des ersten Restaurants der Kanalstraße, seit Wochen mit der Zusammenstellung eines exquisiten Menüs beschäftigt sei, und daß eine schwere Sendung Sekt mit dem nächsten Dampfer von New York erwartet werde; Nachrichten, die ich nicht ohne Besorgnis entgegennahm. Nur die »Crescent City News« blieben weniger guter Laune und erzählten von den riesigen Eisenmassen des englischen Dampfpflugs, »die unsre herrlichen Levees am Fuß der Tschapatulastraße mit Zerstörung bedrohten«. »Geduld!« meinte Lawrence, »bis wir den Redakteur bei dem Eröffnungsschmaus gehabt haben. Er ist von Natur kein schlechter Mensch, aber hungrig, wie alle Reisesackpolitiker.« – Ich selbst kam jeden Abend müde genug nach Hause und war mit der Arbeitsteilung, die sich wie von selbst unter meinen unerwartet heranwachsenden Mitarbeitern vollzogen hatte, höchlich befriedigt. Es kam sichtlich ein gewisser Zug in die Sache; auch gewöhnt man sich's ab, in derartigen Lagen allzu weit in die Zukunft sehen zu wollen. Jeder Tag bringt schließlich von selbst seine Aufgabe und die Zeit deren Lösung.

Auch den Geschäftsführer der Landwirtschaftsgesellschaft, Herrn Delano, lernte ich in diesen Tagen kennen; einen spanisch aussehenden, kleinen, gelbbraunen Herrn, der sehr elegant gekleidet war, sieben Ringe an jeder Hand trug und durchbohrte Ohrläppchen besaß, die in seiner Jugendzeit wohl auch mit Ringen geschmückt gewesen waren. Trotzdem gefiel er mir nicht allzu sehr. Die Komiteesitzung seines Vereins hatte mittlerweile stattgefunden und nach einer stürmischen Beratung den Preis von 750 Dollars für den besten Dampfpflug nachträglich bewilligt. Herr Lawrence hatte mit dem Austritt seines Bruders drohen müssen, der im fernen Norden von der ganzen Sache natürlich nichts wußte, um die Opposition der Herren zu überwinden, die mürrisch auf die völlige Ebbe in der Gesellschaftskasse hinwiesen. Aber mein Freund hatte einen guten Tropfen echten Yankeebluts in den Adern und damit ein unzerstörbares Vertrauen in die Zukunft.

»Kein Geld?« rief er; »Unsinn! wir brauchen kein Geld. Dieser gute Eyth pflügt uns acht Tage lang im Ausstellungspark. Unser Herr Delano rührt die Trommel, was er meisterlich versteht. Wir lassen uns fünfzig Cents Eintrittsgeld bezahlen. Ganz Louisiana will den Dampfpflug sehen. In zwei Tagen – was! in einem halben Tag hat sich Eyth seinen Preis selbst verdient. Alles übrige fließt in die Gesellschaftskasse.«

»Und wenn der ganze Dampfpflug ein verflixter englischer Humbug ist?« warf der mürrische Geschäftsführer ein. »Fragen Sie einmal im Bureau der ›Crescent City News‹ nach, Herr Lawrence.«

»Um so besser!« rief Lawrence, entrüstet über Delanos böswillige Kurzsichtigkeit. »Dann will jedermann den englischen Humbug sehen; wir brauchen keinen Preis zu bezahlen und das ganze Eintrittsgeld gehört der Gesellschaft!«

Die Opposition war vernichtet. Lawrences Vorschlag wurde einstimmig angenommen, worauf er mir mit der größten Zutraulichkeit den Verlauf der Verhandlung mitteilte. Er hatte die große Gabe, jedermann davon zu überzeugen, daß er unter einer Decke mit mir stecke. »Da der Beschluß schon zwei Tage zuvor in allen Zeitungen gestanden hat, war mir's doch nicht unangenehm, daß wir durchdrangen«, schloß er seinen Bericht. »Wann kann die Vorstellung losgehen, Herr Eyth?«

Die zwei Straßenlokomotiven mit ihren Drahtseiltrommeln, ein Sechsfurchenkippflug, ein Kultivator, eine Egge und zwei Wasserwagen standen fast fertig um uns her, als mir Lawrence all dies erzählte. Ich fuhr nun zum erstenmal mit ihm nach dem Ausstellungspark im Osten der Stadt, um unser künftiges Schlachtfeld anzusehen. Etliche sechzig Hektar leidlich flachen Landes waren dort von einem eleganten weißen Zaun und einem tiefen Entwässerungskanal umgeben, über den eine breite hölzerne Brücke führte. Da und dort standen malerische Gruppen von Akazien und uralten Hickorybäumen, deren knorrige, teilweise kahle Äste die wirren Guirlanden des »hängenden Mooses« schmückten, das den Sumpflandschaften des Mississippis eigentümlich ist. Da und dort staken aus dem Boden noch verkohlte Stämme und Wurzeln; ein nicht unbedenklicher Anblick für einen Dampfpflüger. Ob der Boden, der an vielen Stellen unter unsern Tritten fühlbar schwankte, meine Maschinen tragen würde, mußte ebenfalls erst die Erfahrung zeigen. Aber all diese Bedenken konnten das rollende Rad des Geschicks jetzt nicht mehr aufhalten. Im stillen nagte eine viel schwerere Sorge an meinem Herzen. Wie wird vor der ganzen Aristokratie Louisianas, von der ich fortwährend hören mußte, das Pflügen gehen, mit nicht einem Manne, außer mir selbst, der die Behandlung der Maschinen und die notwendigsten Handgriffe bei ihrer Bedienung kannte? Wenigstens an drei Punkten, die Hunderte von Metern auseinanderliegen: auf dem Pflug und auf jeder der zwei Dampfmaschinen, war ein Mann dringend erforderlich, der wußte, was er zu tun hatte, wenn nicht alles in Stücke gehen sollte. Aber es wäre Wahnsinn gewesen, diese Sorgen meinen neuen Freunden anzuvertrauen. Ihr Glaube mußte aufrecht erhalten werden, solange noch eine Möglichkeit vorhanden war, in diesen herrlichen Park hinein und mit heiler Haut wieder herauszukommen. Mit einer nagenden Angst auf der Seele mutig zu lächeln, will gelernt sein. Ich hatte zum Glück diese Kunst nicht zum erstenmal geübt. –

Die Herren, die meinen Pflug zu verbessern wünschten, hatten sich mit der Zeit stetig vermehrt und waren unerschöpflich in ihren Vorschlägen. Als ich am sechsten Tage die Kessel mit Wasser füllen ließ, und die ersten weißen Rauchwölkchen schüchtern aus den Schornsteinen stiegen, waren sie in Scharen versammelt und prophezeiten allerhand Unheil. Ich hatte beschlossen, zuerst nur eine Maschine mit dem Pflug nach dem Ausstellungsplatz zu führen und die zweite am folgenden Tag zu holen. Deshalb nahm ich zunächst Stone und den kleinen Jem auf den Tender, um ihnen den ersten Unterricht im Führen einer Straßenlokomotive zu geben. Dies beleidigte Bucephalus aufs schwerste. Der riesige Neger konnte nur durch das Versprechen getröstet werden, daß er am folgenden Tage die zweite Maschine führen solle und heute mit einer roten Flagge vorauslaufen dürfe, um uns die Straße frei zu halten. Mit fast übermäßigem Eifer stellte er sich auf seinen Posten, wo er seine Tätigkeit damit begann, an die sich ansammelnde, hundertköpfige Volksmenge erklärende Anreden zu halten. Als aber nach einer Stunde, die wir zur Dampfentwicklung brauchten, die Maschine ihre ersten Bewegungen machte, und das Ungetüm langsam über die krachende Levee hinschlich, erschrak er so heftig, daß er eine halbe Stunde lang still, mit gesenktem Kopfe und in achtbarer Entfernung von der Maschine voranging, ohne sich seiner führenden Stellung bewußt zu werden. Später kam er wieder zu sich und begann aufs neue der Menge zu predigen, wobei er alte Bibelsprüche und seine jüngst erworbenen, noch etwas wirren technischen Kenntnisse wundersam zu mischen verstand. Beim Einbiegen in die Kanalstraße liefen einige Droschkenpferde in wildem Schrecken davon. Dies setzte die Stadtpolizei in Bewegung. Fünf Dollars genügten auch hier, ihr wohlwollendes Interesse an uns zu fesseln, so daß der brausende Festzug ohne Zwischenfall von Bedeutung nach drei Stunden einer ermüdenden Fahrt mitten durch die große Stadt im Ausstellungspark anlangte. Nur in der äußersten Vorstadt, nicht weit von unserm Ziele, wo ich Jem seinen ersten Versuch machen ließ, die Maschine allein zu steuern, hatten wir den Eckpfeiler eines unbedeutenden Biersalons mitgenommen. Da sich jedoch infolge dieser kleinen Verirrung die Kundschaft des Wirts für den Augenblick verzehnfachte, fand derselbe zu unliebsamen Auseinandersetzungen weder Zeit noch Lust. Die Sache wäre völlig unbemerkt geblieben, wenn nicht am folgenden Morgen die »Crescent City News« eine Notiz gebracht hätten, die bewies, daß der Redakteur noch immer hungrig war. Sie lautete:

»Der englische Dampfpflug begann gestern seine Tätigkeit damit, den eleganten Biersalon des Herrn Henry Cooper an der Ecke der 42. Avenue und der Show Park Road mitzunehmen. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Im Gegenteil. Die Frau des Gastwirts, eines unsrer geschätztesten Mitbürger, die sich zur Zeit der Katastrophe im oberen Stockwerk des mitgenommenen Hotels befand, soll unsrer großen Republik fast gleichzeitig, wenn auch in etwas überstürzter Weise, einen gesunden kleinen Mitbürger geschenkt haben. Wir wünschen dem achtbaren Ehepaar von Herzen Glück zu dieser Wendung der Dinge, möchten es dem unförmlichen englischen Dampfpflug aber trotzdem nahelegen, namentlich mit Rücksicht auf unsre Damen, seine Tätigkeit für die Regeneration des Südens in etwas weniger gewaltsamer Weise auszuüben.«

Als wir am Abend des folgenden Tags mit der zweiten Maschine an dem erschütterten Salon vorüberkamen, unterließ ich nicht, einzutreten, um auch meinerseits der Familie meine Glückwünsche darzubringen. Ich fand den Salon schon provisorisch genügend gestützt und in blühendem Geschäftsschwung. Herr Cooper war vollständig befriedigt, denn meine Maschinen brachten ihm Gäste, wie er sie in seiner bescheidenen Trinkstube noch nicht gesehen hatte. Im übrigen versicherte er mir, er sei kein Amerikaner, sondern ein Irländer, sei nie verheiratet gewesen und denke nicht daran, es zu werden. Und da der Salon kein zweites Stockwerk besaß, in dem das interessante Ereignis, von dem die »Crescent City News« berichtete, hätte stattfinden können, so mußten wir wohl annehmen, daß die Nachrichten auf einem kleinen Mißverständnis beruhten. Erfreut hierüber trank ich mit meinem auf diese Weise gewonnenen neuesten Freund zwei Gläschen seines schauderhaften Whiskys und versprach, ihm auch künftig meine Kundschaft zuzuwenden, sobald ich körperlich genügend gekräftigt sein würde.