Doch eine weit größere Freude und Überraschung stand mir an jenem sichtlich glückbringenden Tage bevor. Es war schon Abenddämmerung, als Bucephalus mit seiner roten Flagge über die Holzbrücke des Ausstellungsparks einzog. Er hatte nämlich selbst vorgezogen, ständiger Bannerträger der Dampfkultur zu bleiben, nachdem ihm tags zuvor der kleine Jem, schwärzer als je und halb gebrochen, die Leiden eines Heizers geschildert hatte. Da bemerkte ich schon aus der Ferne und mit wachsender Entrüstung auf der ersten Maschine, die gestern unter einem Hickorybaum mitten im Park stehen geblieben war, eine geheimnisvolle Gestalt. Der Mann hatte die die Maschine schützende geteerte Leinwanddecke halb zurückgeschlagen und schien, auf dem Tender knieend, in seine Arbeit versunken zu sein. Als wir näher kamen, bemerkte ich sogar, daß der Werkzeugkasten vor der Rauchkammer jener Maschine geöffnet war. Das war denn doch zu bunt, selbst für die Neugier eines verbesserungssüchtigen Yankees. Ich gab Stone den Anlaßhebel unsrer Maschine in die Hand, sprang ab und lief auf die andre zu, um den Eindringling womöglich in flagranti abzufangen. Er bemerkte mich nicht, so fleißig war er an der Arbeit, und mein Erstaunen wuchs, als ich wahrnahm, daß der Mann damit beschäftigt war, ein neues Wasserstandsglas einzusetzen, das er in dem Werkzeugkasten gefunden haben mußte. Das alte war nämlich bei dem Zusammenstoß mit dem Biersalon schon gestern zerbrochen. Unerklärlich! aber dennoch, welche Unverschämtheit! Der Fremde kniete mit gesenktem Kopf vor der Kesselwand, noch immer ohne aufzusehen. Ich sprang auf den Tender, entschlossen, ihn an den Ohren zu packen, was auch aus der Begegnung werden würde. Da, nicht eine Sekunde zu früh, hob er den Kopf auf. Ein rundes, mir wohlbekanntes Gesicht mit treuherzigen blauen Augen, aber mit der mir ebenso bekannten steinernen Ruhe, sah mir entgegen und sprach: »Guten Abend, Sir!« Dann fuhr der Fremde in seinen Versuchen fort, einen eigensinnigen kleinen Kautschukring über die neue Glasröhre zu schlüpfen, die er an Stelle der zerbrochenen einschalten wollte.

Es war Jem! Jem Parker, der Monteur und Dampfpflüger, den ich mit dem »Wilden Westen« erwartet hatte. Er hatte sich in Schottland bei der Aufstellung eines andern Dampfpflugs verspätet, wurde mit einem der nächsten Schiffe nach New York geschickt und kam von dort über Land mit der Bahn nach New Orleans. Er hatte heute früh nach viertägiger Eisenbahnfahrt die Stadt erreicht, hatte sich nach dem Ausstellungspark durchgefragt und dort die einsame Maschine gefunden. Und da er bei näherer Betrachtung das zerbrochene Wasserstandsglas entdeckte und der Werkzeugkastenschlüssel tags zuvor stecken geblieben war, hatte er in aller Gemütsruhe angefangen, ein neues Glas einzusetzen, wie wenn nicht viertausend Meilen zwischen seiner heutigen und seiner letzten Beschäftigung lägen. Er habe gedacht, es werde schon jemand kommen und nach ihm sehen. Das alles kam in kurzen, trockenen Sätzchen heraus, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Jetzt saß das Glas zu seiner Zufriedenheit an der richtigen Stelle; er probierte die Hahnen und schüttelte, wegen des niederen Wasserstands, vorwurfsvoll den Kopf. Dann richtete er sich auf, zog wortlos einen Brief aus der Jacke, die er unter dem Rock trug, und gab ihn mir. Derselbe war von Herrn Fowler in London und erklärte, wie es kam, daß Parker erst mit einem späteren Schiff abgereist sei. Zwei Leute könne er mir zu seinem Bedauern nicht schicken. Es seien alle verfügbaren, brauchbaren Kräfte vollauf beschäftigt. Ich müsse mich mit Parker behelfen, so gut ich könne. Ich habe mich in Ägypten ja auch schon in ähnlichen Lagen glücklich herausgewunden.

Dies war richtig; und zugleich war mir ein förmlicher Stein vom Herzen gefallen. Stone und der kleine schwarze Jem, wenn sie auch noch gelegentlich einen Biersalon umfahren mochten, waren anstellige Leute. Nun hatte ich noch den weißen Jem, der das Handwerk verstand, und mich. So konnte die Sache doch nicht völlig schief gehen und die »Regeneration des Südens«, von der seit acht Tagen halb New Orleans sprach, allen Ernstes beginnen.

Seit ich Amerika betreten hatte, war ich nie so müd und wohlgemut nach Hause gekommen als an jenem Abend, spielte zum erstenmal wieder ein Schach mit Oberst Schmettkow und gewann's.


6. Ein Fest

Niemand hat übrige Zeit in Amerika. Lawrence, obgleich um eine volle Generation der ältere der beiden, war ungeduldiger als selbst der junge Owen, seitdem der letztere die Speisenfolge seines Gabelfrühstücks mit Hilfe Monsieur Merciers und mehrerer Privatgelehrter auf diesem Gebiet festgestellt hatte. Sie ließen mir kaum einige Stunden zu, wie es ihnen schien, nutzlosen Proben meiner Maschinen. Delano, dem mürrischen Geschäftsführer der Landwirtschaftsgesellschaft, wurde überdies um seinen Park bange, als ich die erste Furche durch den jungfräulichen Grasboden zog, der nie zuvor mehr als leise gekratzt worden war, und mein Pflug den schwarzen Urschlamm des verschwundenen Sumpfwaldes ans Tageslicht förderte. Nach seiner Ansicht sei es um so besser, je weniger ich ihnen von meiner Kunst zeige, an der er nicht mehr zweifelte, seitdem er im ersten Schrecken über das gespannte Drahtseil gefallen war. So wurde der nächste Donnerstag, zwei Tage, nachdem der Dampfpflug sein Arbeitsfeld erreicht hatte, für die Eröffnungsfeier bestimmt.

Das Programm war einfach. Zwischen zehn und elf Uhr sollten die geladenen Gäste erwartet werden. Von elf Uhr an hatte ich eine halbe Stunde lang den Pflug, eine weitere halbe Stunde den Kultivator laufen zu lassen. Um zwölf Uhr mußte in dem Pavillon, der sich neben der Rennbahn befand, das Gabelfrühstück bereit stehen. Um zwei Uhr sollte das Publikum gegen ein Eintrittsgeld von einem Dollar zugelassen und das Pflügen bis gegen Abend fortgesetzt werden. Am folgenden Tag konnte die Presse sodann erklären, daß der Dampfpflug den seitens der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana ausgesetzten großen Preis von 750 Dollar nach eingehender Prüfung errungen habe, und ich sollte in der Freude meines Herzens drei Tage lang und mit häufigen Ruhepausen, um den Park nicht allzusehr zu ruinieren, weiterpflügen. Während dieser Zeit hatte die herbeiströmende Volksmenge ihre fünfzig Cents an der Parktorkasse abzuliefern, teils um die Gesellschaft in die Lage zu versetzen, mir möglichst schmerzlos 750 Dollar auszubezahlen, teils um ihr selbst eine sorglosere Zukunft anzubahnen. Im ganzen ließ sich gegen diesen Plan nichts einwenden. Er kostete mich ein, wie mir schien, allzu üppiges Frühstück, verschaffte dagegen, wenn alles gut ging, dem Dampfpflug, was er vor allen Dingen brauchte: eine tüchtige, gut amerikanische Reklame.

Die kurzen Versuche, die ich anstellen konnte, verliefen erträglich. Der Pflug rannte nur zweimal in die Dampfmaschine, die Herrn Stone und seinem Heizer Kato anvertraut werden mußte, während auf der andern Lokomotive der weiße und der schwarze Jem als Lehrer und Schüler gut miteinander auskamen; abgesehen davon, daß der schwarze sich laut und lebhaft beschwerte, durch seinen Ehrgeiz in eine hervorragende Stellung gedrängt worden zu sein, die unerwartet viel Mühe und Arbeit mit sich brachte. Ich selbst saß mit Bucephalus auf dem Pflug und suchte ihm das Steuern des Gerätes und den Begriff einer geraden Linie im allgemeinen beizubringen. Der Mann hatte eine Riesenkraft und ließ sich mit großer Gutmütigkeit an den Ohren ziehen, wenn er gar zu krumm dreinfuhr. Ich tat dies zwar energisch, da er sonst nichts bemerkt hätte, aber doch stets mit der Miene väterlichen Wohlwollens; denn es war von der höchsten Bedeutung, meine rohen Hilfstruppen bei guter Laune zu erhalten. Das erkannte Bucephalus auch grinsend an und hatte bald die Genugtuung, mich wiederholt darauf aufmerksam zu machen, wie gerade seine krummen Furchen ausfielen. – Übrigens hielt ich es selbst für gut, nicht allzuviele Proben abzuhalten. Jeder Augenblick, wenn das böse Schicksal es wollte, konnte, während ich an einem Ende des Feldes das Drahtseil regulierte oder dem mangelnden Wasserstand im Kessel nachhalf, am andern Ende eine zerschmetternde Katastrophe herbeiführen und uns unter Umständen auf Wochen und Monate das Handwerk legen. Das wichtigste blieb zunächst, wenigstens mit heiler Haut und ganzen Gliedern über das drohende Frühstück hinwegzukommen.