Er schwieg und schämte sich. Hiermit konnte die geheime Konferenz geschlossen werden. Stone und Parker entfernten sich, um ihren Maschinen, die hinter der Tribüne und einer provisorischen Zeltwand friedlich nebeneinander rauchten, vor dem großen Kampfe die letzten liebevollen Handreichungen angedeihen zu lassen und sich sodann in den dunklen Hohlräumen der Tribüne in ihr schmuckes Jockeykostüm zu werfen. Delano eilte in fieberhafter Stimmung nach den Kassenhäuschen am Eingang, wo bereits zwei Kassierer auf ihre kommende Tätigkeit warteten. Sie kam auch, mit jeder Viertelstunde sichtlich wachsend. Der Ausstellungspark, sonst ein Bild tiefer, melancholischer Einsamkeit, begann sich zu beleben. Lawrence strahlte wie eine zweite Sonne über dem Platz, Freunde begrüßend, Fremde zurechtweisend. Es war sein Werk, das sich ringsumher entwickelte, und er fühlte, daß die Augen von zwei Weltteilen auf ihm ruhten.

Die Tribüne füllte sich langsam; um die Barrieren des großen Rings schloß sich ein Menschenring in Form einer dünnen riesigen Mondsichel, deren Hörner sich bereits zu einem Kreis zusammenschlossen. Daß das Sonntagspublikum der Stadt in Bewegung geraten könnte, hatte ich halb und halb gehofft; daß aber auch die Aristokratie der Crescent City erscheinen werde, war mehr, als ich erwartete. Longstreet kam – man hörte sein vergnügliches lautes Lachen schon von weitem –, der ernste Beauregard, Taylor, unruhig wie ein Wiesel, nach allen Seiten auf Jonathan und gegen John Bull wettend. Die Owens mit der jüngeren Generation belebten das Innere des Rings und brachten ganze Scharen von Damen in glänzenden Toiletten. Es gab doch noch schwarze leuchtende Augen und blitzende Diamanten in der Stadt. Gelegentlich sah man Delano mit einem Leinwandbeutel im Arm vom Eingangstor nach dem Pavillon laufen. Es waren Geldsäcke, die er in Longstreets Bureau entlehnt hatte. Er lachte förmlich, zum erstenmal seit dem Bürgerkriege, wie mir Owen, ebenfalls lachend, versicherte. Eine heitere Aufregung bemächtigte sich der Menge in steigendem Grade. Der improvisierte Zeltverschlag, hinter dem in stoischer Ruhe die zwei Maschinen ihre Rauchwolken zum Himmel sandten, war von hundert Jungen umdrängt, die die Leinwandwände einzudrücken versuchten und von Zeit zu Zeit von Bucephalus und dem schwarzen Jem mit entrüsteter Beredsamkeit verjagt wurden. Es half wenig, da der eine eine riesige amerikanische, der andre eine englische Kokarde trug, die sofort der Mittelpunkt jubelnder Bewunderung wurden.

So wurde es halb fünf Uhr. Aus einem Loch in der Rückwand der Tribüne schlüpfte jetzt Stone in hellgrüner Jacke und gelben Beinkleidern und marschierte, von dreißig Jungen geleitet, ernst, als ob er in einer grünen Jacke geboren wäre, dem Maschinenzelt zu. Keine Muskel rührte sich in seinem steinernen Gesicht. Er war der echte Jockey, der mit zusammengebissenen Zähnen einem Kampf auf Leben und Tod entgegengeht.

Vor dem Loch in der Tribüne wartete in sichtlicher Ungeduld eine junge Dame in feuerrotem Seidenkleid und einem wogenden Federhut von erstaunlicher Größe. Als Parker in seinem prachtvollen Kakadugefieder, rot und blau, in der Öffnung erschien, wollte er wieder zurückschlüpfen. Der große Junge war so rot wie seine Jacke. Aber es half ihm nichts; die begeisterte Sally erfaßte ihn beim Arm, zog ihn heraus und begleitete ihn stolz nach dem Maschinenzelt, wo sie mit Bucephalus in ein entrüstetes Zwiegespräch geriet, der ihr rund erklärte, daß hier Damen nicht zugelassen würden.

Fünfzehn Minuten vor fünf öffneten sich die Zeltwände mit erfreulicher Pünktlichkeit. Es ging alles wie am Schnürchen. Die beiden Elefanten dampften keuchend und rasselnd, aber mit feierlichem Ernste, aus der Hütte hervor und wälzten sich in den Ring, der Tribüne zu. Die Aufregung wuchs; die Volksmenge umringte sie schreiend, manchmal in jähem Schreck auseinanderstiebend, dann wieder sich gefährlich zusammenballend. »Das ist Jonathan!« – »Das ist John Bull!« erklärten sie sich hundertstimmig. »Ein feiner Bursche, John Bull!« – »Sehen Sie, die Räder! diese Breite!« – »Und wie Jonathan dampft! Das heiß' ich ein paar Lungen!« – »Aufpassen! Aus dem Weg!« – »Vier gegen drei auf Jonathan!« – »Zwei gegen eins auf John Bull!« – »Hipp, hipp, hurra für Amerika!« – »Zwei gegen eins auf Jonathan!« So schwirrte es durcheinander, bis die beiden Maschinen vor der Tribüne angelangt waren und nebeneinander zum Stillstand kamen. Der kleine schwarze Jem, der bei Jonathan, und Bucephalus, welcher bei John Bull Heizerdienste versah, grinsten sich an. Parker und Stone lehnten auf ihren Steuerrädern und sahen ernst und schweigend auf die brausende Volksmenge herab, die zögernd die Rennbahn freigab und, heftig protestierend, von sechs Schutzleuten unter die Barrieren durchgejagt wurde, wobei abgestreifte Zylinderhüte die Heiterkeit wieder herstellten. Das Ganze schien einen durchaus würdigen Verlauf nehmen zu wollen. Lawrence, der an alles zu denken schien, hatte selbst für Komiteemitglieder gesorgt, die in amerikanischen und englischen Schärpen um die Maschinen herumliefen, sichtlich ohne zu wissen, was sie zu tun hatten, und dadurch dem Publikum zu denken gaben.

Auf der Pavillonuhr schlug es fünf. Atemlos kam Delano aus der Richtung des Kassentors herbei, eine riesige Pistole in der Hand. Er wechselte mit Parker und Stone einige hastige Worte, um sicher zu sein, ob er das Zeichen geben könne. Beide nickten. Fräulein Sally, die ihre nächste Umgebung nur mit Mühe verhindern konnte, die Barriere zu überklettern, rief ihrem Jem ermunternde Zärtlichkeiten zu. Dann knallte der Schuß. Sally stieß einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme ihres Nachbars, raffte sich aber ebenso rasch wieder empor. Mit acht offenen Zylinderhähnen, Dampf und Feuer speiend, beide Pfeifen schrill trompetend, hatten sich die zwei Maschinen in Bewegung gesetzt. Das war nicht der Augenblick für weibliche Schwächen. »Hurra, Jonathan!« – »Hurra, John Bull!« brüllte die beglückte Menge. »Vorwärts, vorwärts!« – »Hurra, Jonathan!« – »Amerika für immer!« – »Hurra, Jonathan!«

Der Start war untadelhaft; das Wettrennen hatte durchaus programmgemäß begonnen. Beide Maschinen liefen in behaglicher Ruhe hintereinander her die Rennbahn entlang. Da aber sämtliche Zylinderhähne geöffnet blieben und sie demgemäß unter lautem Zischen Wolken von Wasser und Dampf ausspieen, machten sie den Eindruck außerordentlicher Kraftanstrengung, so daß das Publikum hochbefriedigt war. »Hurra, John!« – »Vorwärts, vorwärts, Jonathan!« schrie es in steigender Erregung. Ich wunderte mich anfänglich, daß der England repräsentierende John Bull mindestens ebenso viele brüllende Freunde zu haben schien als Jonathan. Aber eine große Anzahl Wetten waren zugunsten Johns abgeschlossen worden. Der schlauere Teil der Wettlustigen traute der Sache doch nicht ganz und vermutete, daß ich, der Leiter und Besitzer der Elefanten, dem Engländer geheime Vorteile verschaffen werde. Daß ich weder Engländer noch Amerikaner, sondern »nur« – wir schrieben, wie erwähnt, noch nicht 1870 – ein ehrlicher Deutscher war, wußten natürlich die wenigsten. – Eine schrille, den größeren Teil des Ringes beherrschende Stimme leitete den Chor der Rotblauen. Es war Sally, die den Tribünenaufgang erklettert hatte, auf dem ich selbst stand und mich vergebens bemühte, unberechtigte, aber enthusiastische Zuschauer hinunterzujagen. Sally sah mir mit ihren blitzenden, kohlschwarzen Augen lachend ins Gesicht, ohne ihr Schreien einzustellen, und klammerte sich fest ans Geländer an. Man sah, sie war entschlossen, nicht zu weichen, ohne das Gebälke mitzunehmen. Ich kapitulierte ohne weiteres. Diese Lungen! Ein gewaltiger Perlmutterknopf über ihrem königlichen Busen sprang mit einem hörbaren Knall ab und flog in großem Bogen in die untenstehende Volksmenge. »Hurra, Jonathan!« – »Hurra, Jem!« Ihre Gefühle für die Lokomotive mischten sich bereits bis zur Unkenntlichkeit mit denen für den Lokomotivführer, und als die Maschinen die Bahn zum erstenmal umkreist hatten und John Bull sechs Maschinenlängen vor Jonathan durch das Ziel dampfte, kannte ihre Freude und ihr Stolz keine Grenzen mehr. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« jubelte sie dem Blauroten zu, der in stoischer Ruhe, den Anlaßhebel in der einen, den Regulator in der andern Hand, auf seinem Tender stand und sich sichtlich bemühte, die Freudenrufe seiner jungen tropischen Liebe nicht zu hören. Zu unsern Füßen sahen Leute entrüstet herauf und suchten ihre Chorführerin zu belehren, daß ihr Elefant nicht Jem heiße, sondern John, John Bull. Aber nichts in der Welt hätte Sally irre gemacht. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!«

Höhnend behandelte sie Jonathan, der eine halbe Minute später an uns vorüberdampfte. Auch Stone sah ruhig und trocken, wie sich's geziemt, von seiner Maschine herab. Das Brüllen der Grüngelben, aus dem schon Angst und Zorn deutlich durchklang: »Vorwärts, Jonathan!« – »Nicht nachlassen, nicht nachlassen!« – »Schneller!« – »Hurra für Amerika!« – »Schneller, schneller!« schien an seinem starren Yankeegesicht abzuprallen wie ein tosender Gebirgsbach an einem Felsblock. Dagegen konnte ich jetzt mit meinem Opernglas bemerken, daß der schwarze Jem, sein Heizer, in sichtlicher Aufregung große Klumpen Kohle in das Feuer warf und dazu zornig in das Feuerloch hineinschrie. Trotzdem erweiterte sich die Entfernung zwischen den beiden Rennern mehr und mehr.