Ich hatte meinen Entschluß gefaßt.
»Sie brauchen das Geld nicht hierher zu schicken«, sagte ich. »Senden Sie nicht fünfhundert Dollars, sondern den richtigen Betrag, dreihundertsiebenunddreißig Dollars fünfzig Cents an meinen Vater in Württemberg, mit dem ich die Sache dann leicht regeln kann.«
»Sehr gut, sehr gut!« rief er, fröhlich aufatmend, bestellte zwei Dutzend Austern der besten Sorte und eine Flasche englisches Stout, öffnete das Paket, das ich ihm überreicht hatte, nahm zwei Dollars heraus und bezahlte die Zeche. Wir aßen plaudernd die prachtvollen Seetiere des Golfs. Dann unterzeichnete er die Schuldverschreibung mit fester Hand und einer Handschrift, die an energischer Entschlossenheit von keiner Keilschrift übertroffen wird. Ich steckte das wertvolle Schriftstück sorgfältig in meine Brusttasche, an Stelle des beschwerlichen Pakets. Erklärlicherweise war er jetzt etwas in Eile. Er mußte vor Abend Schulden bezahlen, Koffer und Ausstattung einkaufen, das Dameninstitut auflösen! So schied ich von Oberst von Schmettkow mit einem warmen Händedruck an der Tür des Austernsalons. Ich habe ihn nie wieder gesehen, auch nie mehr von ihm gehört; weder von ihm noch von den dreihundertsiebenunddreißig Dollars in Gold, eine Summe, die ich so gewissenhaft ausgerechnet hatte. Möglich, daß die »Hoffnung« untergegangen ist oder aus andern Gründen nie in Bremen ankam. Zur Ehre des Menschengeschlechts habe ich das schon längst als selbstverständlich angenommen.
Es war ziemlich spät am Tage geworden, als ich selbst nach Hause kam; noch nachdenklicher als zuvor. Ich legte Schmettkows Schuldverschreibung in ein geheimes Fach meines Blechkoffers neben die Kopie meines Briefs an Olcott. Noch nie und nirgends, seit dem ersten Kanonenschuß bei Fort Sumter, lagen ein föderierter und ein konföderierter Oberst so friedlich und einträchtig beisammen wie diese beiden. Und was mich anbelangt, so war das friedliche Zusammenwirken der zwei Herren von gleich erfreulichem Erfolg für sie. Eine geheimnisvolle Ahnung sagte mir dies schon in jener Dämmerstunde; ich fühlte mich deshalb so ziemlich wie Hans im Glück in modern umgearbeiteter Auflage, nur etwas weniger vergnügt. Was sollte nun aber werden? Wie sollte die Sache weiter gehen? Wo konnte ich, für teures Geld, meinen Pflug einsetzen? Es war offenbar nicht so leicht, als ich mir vorgestellt hatte, diesen starren Kontinent aufzureißen. Ich sammelte allerdings Erfahrungen in erstaunlichem Grad, und keine von den billigen. Aber das Ergebnis war vorläufig nicht ermutigend, es war nicht zu verhehlen.
Ich war müde – schon amerikamüde! – und starrte wohl eine Stunde lang über die Dächer der Nachbarhäuser hinweg in den glänzenden Abendhimmel, die ungelesenen »Crescent City News« auf den Knien, ohne Ziel und Zweck, denn ich wußte wirklich nicht, was dabei herauskommen sollte. Doch ist es manchmal auch gut, die Ruder sinken zu lassen und ruhig zu warten, bis sich das müde Segel wieder rührt.
Da klopfte es. Ich schreckte auf, denn ich war halb eingeschlafen in trübseliger Erschöpfung. »Herein!«
Es war Lawrence, munter und quecksilbern wie immer – wurde dieser Mann nie müde? –, und hinter ihm ein Fremder, ein großer, stattlicher Herr, der wie gewohnheitsmäßig sich bückte, um zur Tür hereinzukommen und, gut amerikanisch, erst den Hut abnahm, als er mitten im Zimmer stand.
»Frederic, hier ist Herr Eyth!« sagte der kleine Lawrence. »Herr Eyth, ich bringe Ihnen meinen Bruder, Herrn Frederic Lawrence von Magnoliaplantage.«
Es wäre nicht leicht gewesen, unähnlichere Brüder zu finden. Herr Lawrence der Ältere war eine schöne, imponierende Gestalt mit schwarzen Haaren, gebräuntem Gesicht und hellen, durchdringenden Augen, elegant gekleidet, sehr bestimmt in seinem Auftreten und klug und klar in dem, was er sagte. Man hatte das Gefühl, jemand vor sich zu haben, der wußte, was er wollte, und es gewöhnlich auch bekam. Der Mann gefiel mir auf den ersten Blick.