»Ohne Scherz«, fuhr Schmettkow rasch fort; seine Worte überstürzten sich jetzt. »Gestern abend begegnete ich dem Kapitän eines deutschen Schoners, der morgen nach Bremen absegelt. Ein braver Kerl, der aus Danzig stammt und die Schmettkows kennt. Er will mich für achtzig Dollars – Greenbacks – mitnehmen. Ich habe einige Schulden hier, die bezahlt sein wollen: zweihundertundfünfzig Dollars bei unserm Wirt in der Tschapatulastraße, ungefähr fünfzig Dollars in dem deutschen Zigarrenladen an der Ecke dort, fünfundsiebzig bei meinem Schneider. Man sieht mir das nicht an. Die Leute sollen nicht glauben, ich habe sie um ihr Geld gebracht. Die Schulden müssen bezahlt werden, ehe ich abreise. Dann, das werden Sie einsehen, Herr Eyth, muß ich mich ein wenig ausstatten, Kleider, Koffer kaufen; ich kann nicht wie ein fechtender Handwerksbursche in Bremen ankommen. Hundert Dollars laufen Ihnen hierbei wie Wasser durch die Finger.«

Er schwieg und rechnete, in der Stille, mit aller Macht. Dabei stieg seine Aufregung.

»Ungefähr siebenhundert Dollars – Stadtgeld, Herr Eyth, nur Stadtgeld – muß ich haben. Sobald ich deutschen Boden berühre, bin ich gerettet. Ich habe reiche Verwandte, die mich nicht stecken lassen, wenn sie mich wieder sehen. Mein Onkel, wenn er noch lebt, ist Rittergutsbesitzer bei Bromberg. Alte Streiche sind längst vergessen. An alte Zeiten denkt er noch. Ist er tot, so hat mein Vetter das Gut, dem fünfhundert Dollars von jeher eine Prise Tabak waren, wie mir seinerzeit auch. Mein Bruder muß jetzt Generalleutnant sein, zum mindesten. Sie müssen nicht glauben, daß ich bettle; so weit hat es noch kein Schmettkow gebracht. Drei Tage nach meiner Ankunft in Bremen schicke ich Ihnen fünfhundert Dollars in Gold. Leihen Sie mir die siebenhundertundfünfzig Lumpen, die Sie in der Tasche haben. Sie machen ein gutes Geschäft, und Sie retten einen Mann, der nicht schlechter ist als andre, aber am Zugrundegehen. Der Schoner heißt ›Die Hoffnung‹, Kapitän Petersen; wie das stimmt!«

Seine Stimme bebte. Er faßte meine Hand; die seine war heiß und naß. Daß es ihm ernst war mit meinem Geld, war nicht zweifelhaft; er keuchte fast, indem er fortfuhr:

»Was riskieren Sie, wenn ich mein heiliges Ehrenwort gebe, daß die Summe mit der nächsten Post Ihnen zurückgeschickt wird? Fünfhundert Dollars in Gold; die kleine Differenz ist unter Freunden nicht erwähnenswert. Wollen Sie? Sie schinden sich die Haut ab für diese Engländer; tun Sie einmal ein gutes Werk für einen Deutschen. Wollen Sie?«

Wir standen vor einem der eleganten Austernsalons der Charlesstraße. Er zog mich am Arm hinein und rief dem Austernmann zu, uns Tinte und Papier zu geben. Dann, leiser und dringender, setzte er seine Auseinandersetzungen fort: wie er sich fünfzehn Jahre lang in Amerika herumgeschlagen, bald im Elend, bald in ehrenhaften Verhältnissen, gleich tausend andern, die dazu bestimmt scheinen, aus unerklärlichen Gründen im Leben auf keinen grünen Zweig zu kommen; wie er jetzt in seinem achtundvierzigsten Jahr als Oberst und Schulmeister sich ermatten fühle und wisse, daß er auf Stroh sterben werde, wenn es noch länger so weitergehe. Da sende ihm der Himmel diese Möglichkeit!

Wieder drückte er mir die Hand. Seine matten Augen glänzten; seine etwas rote Nase glühte. Was mich aber mehr als alles bewegte, war die geheime Angst, die aus seinen zitternden Gesichtszügen sprach; die Sorge, ob es ihm gelingen werde, mich bis zum Jasagen hinaufzuschrauben, denn ich hatte noch immer nicht zugestimmt.

Er nahm den großen weißen Bogen, den ihm der Wirt reichte, und schrieb leise murmelnd, aber mit großer Gewandtheit eine Schuldverschreibung, indem er mich von Zeit zu Zeit ansah. Sie lautete:

New Orleans, den 14. März 1867. Der Unterzeichnete bekennt sich zum Empfang eines Anlehens von siebenhundertundfünfzig Dollars in New Orleans Stadtgeld zum heutigen Kurse von fünfundvierzig Prozent und verpflichtet sich, in Bezahlung dieser Schuld drei Tage nach seiner Ankunft in Bremen fünfhundert Dollars in Gold an Herrn Ingenieur Eyth zu New Orleans, Tschapatulastraße Nr. 21, abzusenden.

»Genügt uns das?« fragte er, aufblickend und mich mit einer Miene ansehend, wie wenn ich der Schuldner und er der Gläubiger werden sollte.