6. Kapitel
Jetzt ist dem Zachenhesselhans der Grünetz zum Fenster hinausgeflogen!
Droben auf dem Fichtenast sitzt er, spaziert wie ein Seiltänzer gegen die Astspitze, an der das halbgrüne Zäpflein sitzt, und hängt sich daran. Er pocht ein wenig mit dem Schnabel – ist aber noch kein Samen darinnen, von dem sich ein Kreuzschnabel ein Frühstück machen könnt.
Der Zachenhesselhans, da er den Käfig leer findet, weil er das Stäbchen nicht herabgeschoben, wie er den Vogel ein neues Wasser in die Schale geben wollte, steht vor der Tür vom Zechenhaus.
»Jetzt – da sitzt der Ausreißer und guckt sich die Welt an!«
Der Zachenhesselhans ist dabei, den Flüchtling mit guten Wörtlein herunterzulocken, wie der Fuchs im Märchen den Hahn.
Aber der Grünetz pfeift dem Zachenhesselhans eins. Weil der Alte alle Sprachen versteht, die um ihn herum gesprochen werden: die vom Wald, die von den Vögeln, vom Wind und von den Gräsern, so weiß er, das, was jetzt der Grünetz ihm gepfiffen hat, das heißt: Freundl, wir zwei, wir kennen uns! Wir sind zwei Philosophen, Du und ich, und unsere beste Weisheit ist: Leutln wie uns, kann's im Waldland nimmer schlecht gehen.
Weil der Grünetz so redet, und der Zachenhesselhans so sorglich drauf hingehorcht hat, ist ihm sein Morgenpfeiflein zwischen den Zähnen ausgegangen; er muß fei so still in den Fichtenwipfel schauen, von dem das klingende Gold der Frühsonne tropft.
Da sieht er, wie der Vogel hinanflattert auf die äußerste Baumspitze. Die ist ein wenig gebogen, weil sie just zu dünn ist für den schweren Goldschmuck der Sonne, den jeder neue Tag daranhängt. Dort sitzt der Grünetz, schaukelt im Licht und guckt sich sein Röckl an, hierhin und dorthin.
Der Zachenhesselhans denkt: oha, ist etwan nicht alles in Ordnung? Jetzt hebt der Grünetz an, das Röcklein auszubürsten. 's ist fei gar so viel Staub gewesen im Hüttlein; da muß einer eine gründliche Säuberung vornehmen mit dem Flaus.