»Du bist heute langweilig,« sagte Minchen Herzlieb und riß ihm einen seiner schönen bunten Flügel aus … »Ich gefalle Dir nicht in Blau, gelt?«
»Himmel, es gibt doch auch noch wichtigere Dinge auf der Welt als Frauenkleider!«
»Wichtigere Dinge? Wie meinst Du das?« fragte sie und wurde steil.
Da sprang draußen eine Stimme auf die Haustürschwelle, die packte die Frage Minchens und schnickte sie unter den Tisch.
Dann ging die Tür auf –
»Da haben wir ihn! Kommen Sie, Husch! … Sie, Jakobus Sinsheimer, ich hab' Ihren ›Armen Heinrich‹ verkauft! Und Sie sitzen mit einer Ihrer zahllosen Bräute beim Frühschoppen, den Sie aus einer Ewigkeit in die andere verlängern! Reden Sie nicht, ich weiß alles! Diese Dame heißt Minchen Herzlieb, und Sie haben sich mit ihr im Sattel vor dem Liszthause verheiratet.«
Einen Schwung hatte Gwendolin, einen Schwung voller Erlösung und seelenerstürmenden Jubels – Jockele dachte gar nicht mehr an den abgerissenen Flügel, er breitete seine Arme weit aus und riß das lange Mädel an sein Herz. In sie wurden weder Knitter, noch ging daran etwas in Stücke –
»Gwendolin, Krone der Weiber, Königin des Himmels und der Erde! Gwendolin, Du ungeheures Licht, Du Zauberin!« Und dann geriet er über ihre Lippen, und die beiden ranken jungen Menschen schossen durcheinander wie zwei Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln und Aesten.
Seine dröhnenden Worte hatten in der Küche eingeschlagen. Die Wirtin sprang hinein und wollte retten, was zu retten wäre. Aber schon in der Türe kriegte sie die Verklärung, schrieb unter das Bild in Lebensgröße: »Ein Wiedersehen nach langen Jahren« und versank in Rührung.
Minchen Herzlieb saß auf einem weißglühenden Stuhle und dachte: »Scheidungsgrund!«