Aber sie war noch gar nicht bei dem Sommer in Ibenheim – die Zigeunergeschichte und das romantische Sterben von Jockeles Mutter, die Gartenhütte mit der aufgehängten Weltkugel, das Zinzilein, das gemalte Schmetterlingsbuch, Tante Veronika – – sie schätzte den Umfang auf drei dicke Bände. Und es war mühevoll, sich in die Seele eines Jungen hineinzudenken. Ueber die erste Schwärmerei, in der sie selbst doch mittendrein gestanden hatte, schrieb sie sich ein lästerliches Kopfweh. –
Nach dem Fasching, als Jockele dachte, er stünde längst wieder in schöner Sicherheit auf sich selbst, war er in erhöhtem Grade der Gegenstand des Interesses aller Malmädchen geworden. Es war, als hätten sie ihn über dem heimlichen Gelöbnis belauscht, das er sich auf einsamer Wanderung durch die märzlichen Felder gegeben: auf Dreitagemädchen sein Herz nicht mehr hinfliegen zu lassen.
Das kam daher, daß Jockele die wahre Größe seines Ruhms nicht ahnte – – Spitzenreiter! Es war kein Mädchen in Weimar, das nicht mindestens eine Handvoll verliebter Konfetti oder zwei Augen voll Wohlgefallen über ihn gewirbelt hatte! Dazu Husch, das hysterische Modell. Es ging die Sage, der Arme Heinrich sei dem Jockele auf dem Hainturm eingefallen, und zur selbigen Stunde hätte die Husch im Gartenhaus am Horn schon einen verzückten Leidrausch bekommen …
Die Phantasie ist das letzte Wunder, das der liebe Gott den Menschen gelassen hat, damit sie nicht voll Mißvergnügen an seiner Schöpfung werden. Wo sie ahnen, weil sie nicht wissen können, geben sie sich damit eine Zaubervorstellung.
Auch waren auf dem Wege durch die Menschen aus den dreihundert Mark für den Armen Heinrich dreitausend geworden. »Dreihundert, dreihundert!« riefen die Besonnenen, aber sie erschauerten dennoch bis ins Herz hinein vor dem großen Lichte, das an dem Künstlerhimmel im Aufgehen war.
Während sich die anderen noch schülermäßig in der Aktklasse mühten, warf er in der Einsamkeit seines Gartenhauses einen unerhörten Glanz in sein Modell und tat Wunder. Er hatte Minchen Herzlieb an der Straße stehen gelassen wie ein Gänseblümchen – aber was wollte dies alles besagen gegen das siebenfache Mirakel: die schöne, klare Doris Rinkhaus liebte ihn! Die Millionenerbin den Zigeunerjungen! Und sein wildes, geniales, strahlendes Wesen stürmte über sie hinweg und sah sie nicht! – So redeten die Leute in Weimar von ihm, und was zwischen diese leuchtenden Fäden hineingesponnen wurde, war nicht minder bunt und unterhaltsam. Und alles fand seine Bestätigung darin, daß just in dieser wundertätigen Zeit Jockele weniger denn je unter die Menschen ging. Er schwebte im Baumwinkel auf der Leiter und steckte bis über die Ohren im Tartarus. Wer neugierig war und auf dem hohen Wall des alten Schießstandes dahinwandelte, konnte ihn sehen.
Einmal kam Maria Reh aus der Akademie, warf die Lippen und erzählte Do: die Leute wüßten, daß sie an einer himmlischen Liebe zu Jo litte, die sich aber gar sehr nach Erde sehne …
Maria Reh spazierte also emsig vorwärts auf dem Distelraine, nahm zu an ofenhafter Ausdehnung und hatte sich schon in eine rechtschaffene Verbitterung hineingeschrieben.
»Eigentlich müßtest Du vor Vergnügen über diesen Klatsch wieder das springseilhüpfende Jungsein kriegen,« lachte Do, und sie lachte so lange, bis sie auch Maria Reh von der angenommenen Entrüstung geholfen hatte. –
Weimar hing nun ganz von Maienseligkeit – jawohl, auch der Frühling ist in Weimar voll inbrünstigerem Glück als anderswo; denn es rauschen die hellen Ewigkeiten darin um die klingenden Tore der Stadt.