»Ich hätte Dir sagen sollen, daß solch eine wilde Hantierung für einen Jungen gefährlich ist. Hast Du denn gar nicht daran gedacht, daß die Sandmassen über Dir zusammenbrechen könnten?«
»O ja,« sagte der Jockele, »wenn jemand darauf herumliefe, könnte das wohl sein.«
Da leitete sie ihn zu einer besseren Erkenntnis, und dann mußte er sein Ränzlein überhängen und in die Schule gehen, die schon längst angefangen hatte.
Das war eine furchtbar peinliche Geschichte; denn als er über die Schwelle trat, spießten ihn die Blicke aus hundert Augen auf; und als er dem Lehrer berichtete, wie er zu der Verspätung gekommen, brandete ein Lachen aus fünfzig Kinderkehlen um ihn, daß es ihm ganz rosenrot vor den Augen wurde. Während er dann auf seinem Bänklein saß, sauste ihm ein Sturm in den Ohren, als ob er die große Seemuschel von Tante Veronikas Wandbrett daranhielte.
Aber ein Gutes hatte diese Sache doch: er bekam an jenem Tage die Taschenuhr, deretwillen er sich schon lange um ein paar Jahre älter gewünscht hatte – nun hörte er auf einmal die Zeit laufen in richtigen kleinen Schritten, deren jeder eine Wegstrecke vorwärts bedeute. Und das war an dem gleichen Tage, an dem er darüber nachdenken lernte: Tod und Leben stünden so dicht beieinander, daß oft nur eine Handvoll Sand zwischen beiden wäre … Und er hatte immer gedacht, vom Leben zum Tode wäre es weiter als bis an das blaue Gewölbe des Himmels, das kein Adler und kein Zeppelin erfliegen könne.
Die Wahrsager im Dorfe waren darüber entweder hinweggestorben, oder sie getrauten sich nicht, ihre wilden Prophezeiungen aufrechtzuerhalten; denn der Jockele war ein über die Maßen manierlicher Junge geworden, er brach ihnen weder in die Hühnerställe, noch schnörrte er den Leuten die kleinen Fenster in den Giebeln und Dächern mit der Steinschleuder in Stücke; und wenn ein paar Schlingel vom Förster bei dem Stellen von Leimruten und Sprenkeln abgefaßt wurden, so war der Jakobus Sinsheimer nie dabei. Manchmal gab es zwar auch ein wildes Fahren durch den Bergwald, aber nicht zu oft; denn die Kinder in dieser köstlich grünen Welt blühen wie die Nägelein in den Scherben auf den Fenstersteinen: sie puddeln sich über der Heimarbeit die roten Backen zum Teufel, oder es löscht ihnen im halben Licht der Stuben der Glanz aus den Augen, und die Wälder und dunkelblauen Berge ihrer Heimat stehen vornehmlich in ihrer Sehnsucht. Dem Jockele aber sprudelten die Quellen entgegen und – unerhört: er badete sogar darin. Dies zuzulassen, war auch eine solche Lästerlichkeit des Fräuleins Sinsheimer! … Der Jockele durfte mit dem Zinzilein und der Mali durch den jauchzenden Hochwald streifen, so oft er wollte. Oder er ging mit einem Forstgehilfen zwischen Tag und Dunkel, wenn nur über dem Hörselberge noch eine Flamme Licht im Verleuchten war und wenn die Nebel in feinen Gespinnen in den Wipfeln hingen, und sah die Hirsche heraustreten und hörte sie ihren königlichen Brunftschrei über die Grenzen ihres Reiches schlagen – ah, du dunkelgrüne, du starke, du einzige Thüringer Erde!
Um diese Zeit lief der Jockele den Dorfjungen aus den Händen. Es war ein so kümmerliches Blühen des Geistes und Herzens um sie, und sie rochen nach Leim und Stube – was soll einer damit anfangen?
Das alte Fräulein, das nun ganz weiße Scheitel hatte, hielt alles Leben im Hause weiter in ihren sicheren Händen. Manchmal gab es eine freundschaftliche Unterredung über den Jockele mit dem Zinzilein; denn dieses war nun ein ›Fräulein‹ geworden, litt an einer verzärtelnden Liebe zu dem Jungen und dachte, es müsse den ›Kleinen‹ aus der tiefen Hingabe ihres Herzens heraus noch beraten wie damals, als er im Kittelchen in der Sandgrube Kuchen buk. Mit solch mütterlichem Behaben drohte sie oft die ganze Pädagogik der Tante über den Haufen zu werfen.
»Du mußt nicht meinen, Du hättest ein Mädchen vor Dir,« sagte dann die Tante; »ein Junge, der unter der ängstlichen Fürsorge von lauter Frauen aufwächst, läuft Gefahr, unter die Räder des Lebens zu kommen. Ich habe es deshalb von frühester Kindheit mit dem Jockele anders angefangen als mit Dir. Ein Junge muß einmal in der Welt stehen und muß sich ein Stück dieser Welt erobern können.«
Die Dorfschule reichte für den Jungen längst nicht mehr zu. Tante Veronika spannte ihn immer eine Stunde des Tages noch zur Fahrt durch das Reich ihrer Bücher ein. Sie hatte sich da einen klugen Plan zurechtgedacht, und weil sie selbst in allen Werken, die auf dem Regale standen, wohl beschlagen war, ging Jockele willig in dem Geschirr und nahm gegen die alte Dame nicht überhand. Als er auf einen Physikband verfiel, richtete er sich in dem Gartenhause, das aus Stein war und ein Fenster hatte, und in dem es sich sehr traulich lebte, eine Werkstätte zu allerlei Hantierung ein.