Einmal baute er wochenlang an einer Lokomotive, eine Konservenbüchse mußte dabei die Rolle des Dampfkessels übernehmen. Danach galt es, ein Flugzeug zu erdenken, natürlich von so kühner Bauart, wie sie den Fachleuten noch nie eingefallen war. Und als er aus einem Automaten eine apfelgroße Weltkugel erstanden hatte, die mit Schokolade gefüllt gewesen war, hing er sie an einem Faden an die Decke des Gartenhauses, und die Frauen mußten kommen und sich die Sache ansehen. Das Fenster stellte die Sonne vor, und Jockele löste an der im Raume schwebenden Erdkugel der Mali das Geheimnis von Tag und Nacht. Zur größeren Anschaulichkeit hatte er die Schattenseite ein bißchen mit Ofenruß angestrichen.
Er hatte in dem Gartenhaus überhaupt hundert Dinge aufgestapelt: wunderlich gewachsene Hölzer, die die Form von Köpfen hatten, der er dann immer ein wenig nachhalf, bis die Mali sich vor ihnen entsetzte; dazu Versteinerungen, sauber aufgespannte Schmetterlinge, die sich in einem Kasten mit einem Glasdeckel befanden, und zu denen er nach den Büchern der Tante die Namen geschrieben hatte; Raupenhäuser, in denen er den Wandel der Würmer zum Falter beobachtete; ein Fischglas und ein Terrarium mit Eidechsen, einer Blindschleiche und einer Ringelnatter.
Damit die Bergwinter seinen Eifer nicht unterbrachen, war der einzige Raum des steinernen Gartenhäusleins auch mit einem kleinen Ofen versehen worden.
Je mehr er in das betriebsame Jungentum hineinwuchs, desto sicherer entglitt er den Einflüssen der sehr sanften Mädchenhaftigkeit, mit denen das Zinzilein um ihn war.
Tante Veronika bemerkte das mit Genugtuung; denn das Behaben des Zinzilein zu dem Jungen war ganz voll von der Rätselhaftigkeit der Liebe, die in ihrer Maßlosigkeit gar nicht anders bezeichnet werden kann als hingebungsvolle Eigensucht. Es schien fast, als vereinsame das Zinzilein über seiner Liebe zu dem Jungen, weil er nun so von ihr fortwuchs.
Sie sagte das Veronika auch. Aber die Tante blieb bei ihrer wunderlichen Ansicht: das müsse so sein. Im übrigen ließ sie sich auf Erklärungen nicht ein, hütete sich dem Jungen gegenüber ängstlich vor aller Schulmeisterei und sorgte dennoch, daß sie ihm an der Hand ihrer Bücher von Zeit zu Zeit ein neues Wissensgebiet erschloß. Er ging auf alles mit begieriger Freude ein, aber von der Sorge, die Veronika in dieser Zeit des flüggen Jungentums am meisten beschäftigte, sagte sie dem Zinzilein gar nichts. Und dennoch schlief die Sorge nie ganz ein, es möchten sich eines Tages an Jockele vererbte Eigentümlichkeiten zeigen, denen gegenüber alle Erziehung und Liebe ohnmächtig wären. Aber diese Bangigkeit nagte nicht an ihr und quälte sie nicht; denn sie war ihr in Wahrheit gegen ihre Ueberzeugung gekommen in einer Zeit, die ganz voll war von der Mechanikerweisheit der Vererbung. Und dafür fand sie zu ihrem Erstaunen eines Tages auch bei dem Menschheitslehrer Goethe eine Belegstelle – »Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären …«
Darüber geriet sie von neuem ins Raten. Aber trotz aller Mühe, die sie sich gab, konnte sie diese Verse nicht ganz zu ihrer Ansicht umdeuten, daß eine in allen Stücken vollkommene Erziehung die geistige und sittliche Verfassung eines Menschen aller Vererbung zum Trotze bestimme.
Tante Veronika hätschelte den Gedanken solchen unerkannten Königtums der Erziehung mit eifersüchtiger Liebe als die köstlichste Erkenntnis ihres Lebens – und nun wälzte ihr gar Johann Wolfgang einen Fels in den Weg! Zwar: er setzte damit auch der Erziehung eine der vielen Kronen auf, die seine königliche Hand zu vergeben hatte, aber … Und dies Aber blieb stehen und rumorte in Winkeln ihrer Seele herum, die Jahrzehnte in wundervoller Sonnenruhe gelegen hatten.
Doch – eine sechzig Jahre alte Dame läßt sich schwerer umstimmen als ein sechshundert Jahre altes Klavier. Und das war in diesem Falle ein großes Glück.