Nichts an ihr verriet diese Erkenntnis, aber das Herz des Herrn Matthias Prinz hatte Schwingen bekommen und wirbelte mit ihm hinein in den Frühlingswald – die Finken rührten ihr Schlagzeug, als hätten sie Wachtparade, die Mönchsgrasmücke trug den Schellenbaum, und die wilden Tauber schlugen die große Trommel. Und der Herr Prinz – als wär er schon König geworden – bildete sich ein, die ganze Waldmusik hätte der Frühling extra für ihn losgelassen. –
Jockele stand auch über diesen Tag hinaus den Ereignissen mit Unbefangenheit gegenüber. Das Geheimnis der rosenroten klingenden Liebe war für ihn noch nicht erfunden, und er brachte nicht den ahnungslosesten Verdacht auf, daß er von dem Herrn Matthias als Sprungbrett zu einer himmelblauen Seligkeit benutzt würde.
Gesprochen wurde nach Ansicht des Jockele von dem Forstgehilfen im Hause nur dann, wenn er selbst die Rede auf ihn brachte; Tante Veronika hatte mit sehr nachdrücklichen Worten namentlich der Mali alles verboten, was für die Ohren des Jungen nicht paßte. Daß Mali und das Zinzilein in dieser Zeit oft recht geheimnisvoll taten, merkte er auch nicht – ein Junge merkt überhaupt nicht viel; er wühlte sich im Gartenhaus mit einer Wichtigkeit in seine Bücher, die er über den anderen Pflichten der Schule nicht einmal geahnt hatte.
Darüber war auch der »Ostermann für Quinta« beschafft worden, an dem der alte Pastor in Jockeles Gemeinschaft jede Woche drei Stunden sein verblichenes Latein auffrischte.
Als Herr Matthias nach einigen Wochen im Frühlingshause Besuch machte, beschränkte ihn die Tante wiederum für die Dauer von drei Minuten auf das Damenzimmer. Dann begleitete sie ihn vor das Gartenhaus, das Zinzilein guckte durch den Vorhang, und der Herr Matthias Prinz suchte mit seinen Augen über die Achsel der Tante hinweg, ob etwa aus diesem Fenster ein Sonnenschein fiele. Er redete dabei ausgiebig und bezeigte ein großes Interesse für die Anlage des Gartens.
Veronika war auch davon nicht im geringsten überrascht – wer überhaupt dächte, sie hätte sich von Stund an in die Rolle des schätzehütenden Drachen eingelebt – ha, der würde Fräulein Sinsheimer sehr schlecht kennen!
Sie liebte es, die Augen zu schließen, um besser sehen zu können, und war dem Zinzilein selbst in den wichtigsten Angelegenheiten der Liebe unbedingt vertrauenswürdig. Wenn der Jockele davon etwas hätte ahnen dürfen, so hätte er gesagt: »Nun versteht sie das wahrhaftig auch noch!«
Tante Veronika hatte gegen die Dinge, die sich nun im Frühlingshause vorbereiteten, nicht das geringste einzuwenden, aber sie wollte alles mit der ihr eigenen Delikatesse behandelt wissen.
Sie fand es selbstverständlich, daß das Zinzilein gleich das neue Muster abhäkeln mußte – jetzt, am Sonntag mittag, und eine Stunde vor dem Essen! Und sie fand es durchaus natürlich, daß dies auf einem Platze hinter dem Vorhang des Fensters nach dem Gartenhaus hin geschah, an dem das Zinzilein sonst nie saß. Dabei blühte das Zinzilein wie eine Malve und war von weltumarmender Glückseligkeit. Und weil Tante Veronika wußte, daß solch ein Glück als Geheimnis tausendmal schöner ist, merkte sie von den musizierenden Engeln, die das Zinzilein umtanzten, gar nichts.
Nach einiger Zeit ging die Gartentür – da stürzten sich alle anwesenden Engel dem Mädel ans Herz und läuteten damit, daß ihm angst und bange wurde.