»Der Herr Prinz ist drinne!« zischte sie ihn an. »Er will das Zinzilein heiraten – alleweil sagt er's der Tante!«
»Hab ich längst gewußt!« sagte Jockele so von oben herab, fiel aber gleich aus der Rolle, faßte die Mali unter und wirbelte sie ein paarmal durch die Küche. Dann gingen sie auf den Zehen, horchten manchmal ein bißchen durch den Türspalt und wisperten miteinander wie die Goldhähnchen im Winterwalde – alles als gäbe ihnen eine dunkele Ahnung ein: sie beide müßten nun zusammenhalten, da das Frühlingshaus langsam zu vereinsamen begann.
Auf diese losgelassene Freude kam ein Augenblick, der wäre beinahe sehr feierlich geworden: die Tante trat in die Küche und sagte, der Herr Matthias Prinz speise heute bei ihnen zu Mittag; dann führte Veronika den Jockele in das Zimmer, das ganz voll Gold und Glück und weißer Vorhänge war – »Jakobus,« begann sie und gedachte in sehr schönen Worten von einer großen Freude zu reden. Aber das dauerte dem Jakobus zu lange, da ging er ihr durch und stürzte den beiden ans Herz.
So hatte Herr Matthias Prinz das Wachstum dieses Jahres unter Dach, ehe die Welt von Nebeln eingewoben wurde – wie sich das für einen vorsichtigen Liebhaber schickt.
Tante Veronika, obwohl sie niemals in himmelblauer Verlobungsseligkeit herumgeflogen und darüber hinaus von dem anderen Geschlechte so gründlich stehen gelassen worden war als möglich, kam dennoch nicht auf den Einfall, es diesen einen entgelten zu lassen und ihn in Entsagungen zu üben – nur auf Delikatesse hielt sie und bestand darauf, daß »solche Sachen« nicht zum Ansehen für andere gemacht seien. Wodurch aber nicht verhindert wurde, was sie beabsichtigte – nämlich, daß der lange schöne Knabe Jakobus die Vorstufe zu einer raschen und gründlichen Liebesschule durchmachte. Wäre der Lehrstoff weniger delikat zum Vortrage gelangt, so hätte Jockele vielleicht nicht die nötige Anteilnahme aufgebracht und wäre davongelaufen. Aber dieser Herr Prinz war in allen Stücken von einer so vorbildlichen Ritterlichkeit, daß der Junge während des Winters feststellte: Matthias der Prinz und Prinzessin Zinzilein wären einander durchaus würdig, und das Mädel in seiner sonnigen Blondheit wäre nun noch viel schöner geworden … Lauter Dinge, an denen der Jockele so viel herumzudenken hatte, daß er denselbigen Winter in der Folgezeit einmal »die Auferweckung des Jakobus« genannt hat.
Durch den tiefsten Bergschnee herüber trug Matthias eines Tages die Nachricht, daß er vom 1. April ab als Revierförster in der Nachbarschaft des Hörselberges bestimmt sei. Natürlich wollte er nicht unbeweibt seinen Einzug in das Waldforsthaus halten – da überkam den Jockele zum ersten Male die Schwäche der Eifersucht, und zwar auf beide, die sich ihm gegenseitig wegnahmen.
Er wäre darüber am Ende in die Unzufriedenheit des Flegeltums hineingewachsen, dem der liebe Gott zur Warnung als äußeres Kennzeichen das schlaksige Unebenmaß der Glieder anhängt. Aber die Erziehungskunst der Tante Veronika trieb an ihm eine schöne späte Blüte: sein Takt gegenüber der waldgesunden Männlichkeit des Schwagers behütete ihn vor Entgleisungen.
So focht er den ersten Kampf mit sich und der Welt in der Stelle des Gartenhauses aus; er ward einsilbig, er knurrte auch einmal, wenn er durch die Stube wippte, aber er setzte sich nicht dem vereinigten Gelächter der Engel und Menschen aus, die während der Vorbereitungen zur Hochzeit das Haus bevölkerten. Er arbeitete sich um seine offensichtliche Zurücksetzung mit großem Eifer herum, entschädigte sich durch Erzählungen aus dem Gallischen Kriege des Cäsar, den er um diese Zeit mit dem Pastor las, und hörte mit sieghafter Genugtuung zu, wenn der ritterliche Herr Matthias das Bekenntnis ablegte, daß sein Schiff an dieser Klippe fast wrack geworden wäre.
So war Jockele über allem auf ein Nebengeleise rangiert worden. Da fiel er in der beschaulichen Ruhe seiner Gartenhütte auf eine Verzweiflungstat: er hatte die Schmetterlinge seiner Sammlung gemalt und begann, zu jedem die Naturgeschichte zu schreiben. Es war die erste Arbeit, die er planvoll aufnahm und durchführte. Das Zinzilein, das ihn am liebsten als »Naturforscher« gesehen, hatte auch Verdienste an seinen farbigen Tier- und Pflanzenstudien, die oft recht hilflos waren. Deshalb dachte er, er wollte dem Zinzilein dies »Werk« als Hochzeitsgeschenk überreichen; denn er wußte, Prinzessin Goldhaar war mehr als die anderen dazu geneigt, gute Vorsätze als Taten anzusehen.
Mitte März war er damit fertig, und als es der Buchbinder wieder ins Haus schickte, standen sie in diesem Hause gerade vor der Hochzeit.