Die wenigen Tage surrten noch vorüber; dann kam der stürmische 1. April, der das Zinzilein dem Frühlingshaus entführte – Himmel, was war von dieser blonden Mädchenjugend eine Fülle von Sonne gekommen!
Nun, da sie nicht mehr da war, schauerte den Zurückgebliebenen die Einsamkeit fröstelnd ans Herz. Ueberall lagen Erinnerungen: Blätter aus zerfallenen Blüten – das ganze Haus war voll von abgestandenen Festtagen; es war stief und stoppelfeldig in allen Zimmern, und gegen die Fenster stieß der Sturm, klirrte der Aprilregen.
Tante Veronika hatte sich fest zugeschlossen, stabte mit dem gelben Stocke in ihrer Wehmut herum und suchte nach einem liegengebliebenen Sonnenschein. Es war aber keiner da.
Vielleicht lief das alte Fräulein auch dem Gedanken nach, ob sie denn zum zweiten Male ganz verwaisen sollte?
Es ist bei den Jahren anders als bei den Menschen – die Jahre kriegen im Alter das Rennen, und man muß sich bei guter Zeit vorsehen, will man sie nicht davonlaufen lassen.
Jawohl, ganz heimlich dachte Tante Veronika daran, wie sie den Jungen im Hause behalten könnte, ohne daß er an ihrer verzeihlichen Selbstsucht nicht zur vollen Entfaltung seiner hellen Gaben gelangte. Aber sie faßte diesen Glauben nicht mit der alten Festigkeit an, weil ihr das Herz davor bange war. Und diese Bangigkeit verlor sie nicht mehr. Doch brauchte sie nicht lange an der Frage herumzuraten; denn eines Tages stand ein Sturm auf, der dem alten Mädchen am Bergwalde den Jungen aus Haus und Händen wirbelte …
Zuvor aber kam Maria Reh nach Ibenheim.
Da war der Frühling im vollen Gange und schüttete ein Blühen in die Gärten, daß es über die Zäune lief.
Weil Fräulein Reh zuerst mit dem Mai durch den sprossenden Buchwald gestrichen war, kam sie mit Maleraugen voll Entdeckungen und einem Herzen voll Licht und Himmelblau und trat in das erste Haus, an dem sie der Weg aus dem Walde vorbeiführte.