Darin wohnten die Laufers. Frau Barbara fing sie gleich in dem Netz ihrer Freude und schüttelte die ganze Hochzeit und das Glück des Zinzileins über sie. An diesem Tage nahm Maria Reh die Stube nach dem Wald hinaus.
Als sie am nächsten Morgen mit der Staffelei in die Bergsonne stieg, um ihre Sinne vom wilden Farbendrängen zu erlösen, ward sie von dem Mädchen Mali erspäht. Deshalb schritt bald danach der Jockele von ungefähr des Weges, um zu sehen, was es wäre. Er kroch erst ein bißchen um das Malfräulein herum, und weil er noch so zwischen den Lebensaltern stand, durfte ihn ihre Spätfrühlingsreife ohne Scheu ermutigen. Es wurden ein paar falterleichte Fragen gewechselt – die erste ließ Maria auffliegen. Weil sie den Jockele mit »Sie« anredete, bekam er einen roten Kopf; denn das passierte ihm zum ersten Male. Aber er fand sich alsbald in das erforderliche Auftreten und erwies sich dabei als fertiger Schüler seines Schwagers Matthias.
Am ersten Regentage machte Maria Reh der Tante einen Besuch. Sie trat auch in das »Laboratorium« und erbat sich den »Herrn Jakobus« als fröhlichen Malergesellen, nachdem sie seine frischen, aber ungelenken Versuche gesehen hatte.
Einige Tage später, in denen das junge Buchlaub ganz zu Golde geschlagen worden, war aus dem komischen »Herrn Jakobus« für das Fräulein schon der junge Jockele geworden – manchmal hieß er noch »Sie, Herr Jockele!« – und er saß neben ihr im Walde und visierte mit dem Zielauge über den Bleistift hinweg die Lage der Dinge, die er skizzierte.
Wieder nach einiger Zeit wanderten sie zusammen in das Forsthaus am Hörselberge. Da nahm auch Maria ihr Skizzenbuch mit und redete von lustigen Malerfahrten beider Herzen in ein weltumarmendes Glück.
Die enganliegende Lebensart im Frühlingshause, die das Werk der Tante Veronika war, fand sich bei Maria Reh nicht. Sie war ein blondes, schlankes Mädchen mit einem Teutoburgerwaldgesicht und einem freien Hals, an dem über dem Blusenausschnitt unter dem Nacken der erste Rückenwirbel kräftig hervortrat; denn er hatte zu tun, den Kopf mit dem klingenden Haar und dem klaren, kühnen Gesicht zu tragen.
Natürlich behauptete Maria, sie wäre viel größer als Jockele. Als sie einander aber mit entschuhten Füßen und aufgelegtem Skizzenbuch an einem Waldstamme maßen, war zwischen den beiden Strichen gerade nur so viel Raum, daß ein Sonnenstrahl hindurchkriechen konnte.
Diese Messung fand auf dem Wege zu dem Berge der Frau Venus statt. Und weil es eine so sonnevolle Waldfahrt war, gelangten sie erst im roten Lichte des Spätnachmittags in das Forsthaus und standen beide über und über in Blüte. Deshalb läutete das prinzliche Paar gleich mit allen Glocken, und das Lachen schoß als goldene Raketen in die Waldnacht vor dem traulichen alten Jägerhause. Dabei wurde festgestellt, daß der Jockele in sechs Wochen um sechs Jahre älter und ritterlicher geworden sei, und er, dem das Haar so wellig und schwarz um die Stirne wehte, hatte die Augen voll feuchten Glanzes.
Das Zinzilein schaute fast erschrocken in dies heiße Licht, das aus einem tiefen Himmel kam. Aber der Jockele sagte: daran wäre die Sonne schuld, die über Tag hineingeronnen, und daran wäre schuld, daß diese Augen nun Dinge zu suchen und zu sehen hätten, von denen das Zinzilein samt seinem jungen Herrn Förster gar nichts ahnte. Er sagte das aus einem gläubigen Jungenherzen heraus; aber das Zinzilein mußte doch auf der Hut vor sich selber sein, daß sie ihn nicht für ganz erwachsen nahm und ein bißchen an ihm herumklopfte … denn auch das Zinzilein war in diesen sechs Wochen gelehrig gewesen und verstand sich auf Männeraugen.