Es war ein blanker Morgentisch gedeckt, wie es zu den hellen Herzen und der Welt voll Licht paßte, und als Maria Reh – schon fix und fertig – endlich den Vorhang zur Seite zog, flogen ihr die sehnsüchtigen Augen des Jungen ans Herz. »Na, da ist sie ja!« jubelte das Zinzilein, und Jockele wurde ganz stolz, weil sie seine Schwärmerei gemerkt hatte und doch in der Ordnung zu finden schien. Man plätscherte noch eine Viertelstunde in Lachen und Sonne, dann segelten die beiden auf ihrem glückhaften Schiffe davon.
Jakobus war nach dem Erlebnisse vom Abend zuvor wie verwandelt, gestern war er ein Malschüler gewesen, heute war er ein glückseliger Page.
Maria Reh ließ sich seine scheue Liebe gefallen und hätte nicht das geringste einzuwenden gehabt, wenn sie etwas weniger ungefährlich gewesen wäre. Sie war nun auch viel sanfter zu ihm; denn sie sah, der Junge war ganz von sich, und diese erste Jugendschwärmerei fiel über sie wie der Duft einer Blume, die ohne Gift ist.
Mittags, als sie wieder an dem Hange ruhten, über dem der Wachtelweizen mit den himmelblauen Spitzen seiner Stengel als ein sonnenstiller See blühte, strich Maria mit ihrer Hand über sein Gesicht; da lehnte er den Kopf an die Erde und ließ ihre Stirn so über sich kommen und sah seinem Glücke tief in die Augen. Dann sagte er: »Ich bin sehr froh, daß Sie so lieb zu mir sind!«
»Sind das Zinzilein und Fräulein Veronika nie so gewesen?« fragte sie aus ihrem wissenden Herzen heraus.
»Aber das ist doch etwas ganz anderes, Fräulein Maria!« Und er erfaßte ihre Hand und legte sie über seine Augen.
Weiter geschah auf diesem langen, langen Frühlingsgange nichts, aber als sie in der Dämmerung nach Hause kamen, waren sie beide ganz still geworden, und Maria sagte sehr weich und mitleidvoll zu ihm: »Auf morgen – nicht wahr?«
Da küßte ihr der Junge die Hand und ging mit gefährlich feuchten Augen von dannen.
Sie sahen sich nun an jedem Tage. Jockele saß neben ihr im Walde und zeichnete, was sie ihm aufgab. Des Morgens suchte er sie stets mit scheuer Freude; denn vor Nacht war sie immer in so königlichen Bildern um ihn, und dann ließ er sich von ihren sachten Händen in den Schlaf streicheln.