Sie fühlte auch, was sie ihm war, und war darum auf der Hut vor sich selber, damit der Glanz nicht von ihr abfiel, den seine erwachenden Sinne um sie träumten.
Er hätte am liebsten gehört, wenn sie ihn »Du« genannt hätte, aber die Scheu, sich lächerlich zu machen, hielt ihn davor zurück, es ihr zu sagen; wenn er in den heimlichen Stunden zwischen Schlaf und Wachen mit ihr allein war, mußte sie es doch machen wie er wollte!
Ueber allem befiel ihn ein ruheloser Eifer, ihr mit seinen Zeichnungen zu gefallen. Sie lobte ihn leicht und oft; das hatte ihm zuerst wohlgetan; dann peinigte es ihn; denn er dachte, es wäre eine unverdiente Gefälligkeit. Er sagte ihr das auch einmal und verstimmte sie damit; das dauerte drei Tage, und am vierten ging sie zu einer Stelle im Walde malen, die sie ihm nicht verraten hatte. Da geriet er in eine qualvolle Unruhe, lief den ganzen Tag im Walde herum und war heilsfroh, als er sie gefunden hatte. Aber die Abende, in denen er sich ihr ans Herz träumte, waren seit einiger Zeit nicht mehr so wonnevoll wogend und rosenrot, und sie wurden es noch weniger, als sie eines Tages an ihrer Bluse auf dem Rücken einen Druckknopf nicht geschlossen hatte. Wenn sie vor der Staffel stand und sich ein wenig zurückbeugte, sperrte sich diese Stelle des Verschlusses immer auf und ließ ein Stück Spitze ihres Hemdes sehen.
Das peinigte ihn; denn es stimmte gar nicht zu den königlichen Bildern seiner Frühlingsträume. Er arbeitete mit heißerem Eifer, um Maria vor seinen törichten Augen zu schonen. Aber immer wieder blitzte das schmerzende Weiß in seine Arbeit – da nahm er den Feldstuhl und setzte ihn so, daß er ihre Rückseite nicht sehen konnte, und begann eine neue Zeichnung.
Einige Tage später war der Druckknopf wieder offen. Da sagte er zu ihr, er könne diese Bluse nicht leiden. Sie redeten eine Weile in scherzendem Ernste, und weil sie so überlegen tat, wehrte er sich –
»Jawohl, nicht leiden, weil immer ein Knopf daran offen ist!«
»O weh,« sagte sie lachend, »und das haben Sie gesehen und haben ihn nicht zugedrückt?«
Sie fand also dabei gar nichts. Aber sie ahnte auch nicht, daß ihr großes Licht in seinem Herzen darüber zu einer matten Sonnenscheibe geworden war. Dann knurrte er ein bißchen vor sich hin, und sie redeten danach einmal vom Wetter und daß der Herbst schon so unfreundlich durch das Gebirge kroch.
An ihrer Freundschaft änderte dieser Vorfall nichts, aber über die Vergänglichkeit des Rausches der Liebe begann Jockele in diesen Tagen der ersten Nebel doch nachzudenken …
Er ging in die Reifkälte des Oktobers aufrechter und fertiger, als er durch die fallenden Blüten des jungen Jahres gegangen war.