Da sie sich wieder einmal maßen, war er über Maria Reh hinausgewachsen, was ein wildes Siegesgeschrei zur Folge hatte, und seine Arme baumelten nicht mehr um ihn herum wie Schlaghölzer am Dreschflegel. Er hatte auch Fräulein Sinsheimer mit auffälliger Sicherheit erklärt, er wolle Maler werden und – vom Herbste des nächsten Jahres an – die Weimarische Kunstschule besuchen. Im Herbste des nächsten Jahres war er siebzehn vorbei.
Veronika, die mit Maria Reh mehrfach über sein Talent gesprochen hatte, gab ihr ruhevolles Einverständnis und war froh, daß die Dinge sich so fügten. Seine mancherlei Studien vor und in der Natur waren nun gewiß auch für seinen künftigen Beruf nicht zwecklos gewesen, und die alte Dame brauchte sich nicht zu sorgen, daß ihr der Junge dereinst den Vorwurf machte, sie hätte den Unterricht planlos betrieben – nein, nein, die Sache war ihr so in allen Stücken recht.
Als die Blätter gefallen waren, war Maria Reh fort. Die Freundschaft hatte gehalten – Jockele hatte ihr das Gepäck in das Wagenabteil gereicht und hatte ihr noch im Schreiten Lebwohl gesagt, als schon die Räder neben seinen Schuhen rollten.
Aber sie stand nun in seinen Gedanken in einer so rotbäckigen Menschlichkeit und kernigen deutschen Art, daß er sich wunderte, wie es ihm möglich gewesen wäre, das alles mit dem Glanze des Märchenkönigtums zu umdichten.
Auf einmal faßte das Leben mit hartem Griff in den stillen Lauf der Tage des Hauses am Walde, und es ward eine tiefe Finsternis. Es sah aus, als wollte sie der Dinge und Herzen Herr werden und alle Freude in einer Stunde in die Luft sprengen, an der Veronika viele Jahre mit heiterem Fleiße gebaut hatte.
Tief im Thüringer Wald steht ein Gasthaus an der Straße, etwa drei Wegstunden von Ibenheim; darin halten Fuhrleute, die über das Gebirge fahren, ihre Rast; dahin ziehen sommerfröhliche Menschen, wenn ihre Herzen dürsten nach Bergwind und Tannengrün. Im Winter ist es ein verlorener Bergwinkel, um den die Stürme Lasten von Schnee mauern.
In jenes Gasthaus trat an einem frostklaren Januartage ein Weib, hatte in Männerstiefeln lange verschneite Straßen hinter sich getreten und war in allerlei schlechte Tücher gehüllt. In der Hand trug sie den Schaft einer jungen Erle, irgendwo am Wege gebrochen und notdürftig für eine Bergfahrt zugerichtet.
Die Frau sprach ein fremdes und mühseliges Deutsch, und die Wirtsleute sahen sie aus ihrer tiefen Wintereinsamkeit verwundert und fast feindselig an.
Sie rückte sich einen Holzstuhl an den Ofen und nestelte Kupferstücke aus der Tasche ihres Rockes; das ging langsam, denn ihre Hände waren krumm vor Kälte. Für das Geld bekam sie ein Glas Grog und schüttete den heißen Trank schluckweis in sich hinein. Darüber kamen ihre erstarrten Sinne, kam ihr das Herz allgemach wieder in Gang. Die Wirtsleute begannen, sich an sie heranzufragen. Aber sie hatte abwesende Augen, leuchtete damit in der großen Gaststube herum und sagte: »Die Fenster sind alle dick zu von Eis.«