Da merkte der Wirt, es wäre nicht viel mit ihr zu reden, und bedeutete sie durch Zeichen, ob sie noch ein Glas Grog brauche. »Ja,« sagte sie, und legte das Geld dafür auf den Tisch. Ihre Augen gingen wieder durch die Stube und blieben endlich stehen, und die Wirtin, die das kochende Wasser aus dem Kessel über den Rum schüttete, fragte sie, ob sie krank wäre.
»Nein,« – sie überlegte sich nur, wie sie es sagen sollte, was sie vorzubringen hätte; denn ihre Sprache wäre das Ungarische und sie fände sich im Deutschen nur mühsam zurecht.
Da taten die Leute ihre Arbeit und warteten, was es mit ihr wäre.
Nach einer Weile sagte sie: »Ist hier vor länger als sechzehn Jahren ein Kind gefunden worden?«
»Hm, ein Kind gefunden? Das ist eine merkwürdige Frage. Und vor mehr als sechzehn Jahren?«
Die Wirtin wußte gleich, wohin die Frage zielte. Aber es wachte in ihr auch schon die Furcht auf vor mühsamen Gängen zum Gericht. Und sie warf ihrem Mann einen Blick zu, der wollte sagen: gibt acht, aus derlei Dingen wächst ein Haufen Unkraut!
Deshalb antwortete sie mit hinterhältiger Sanftmut: »Ein Kind? Es ist davon wohl nichts bekannt worden.« Aber die Neugier brannte sie auf die Nägel, und der Mann sagte, vor sechzehn Jahren wären sie noch gar nicht in dieser Gegend gewesen.
Die Zigeunerin hatte das graue Tuch, das sie um den Kopf getragen, überdem zurückgeschoben; da sahen sie, daß sie im Alter der ergrauenden Haare stand. Sie hatte ein verkümmertes Gesicht und sehr schöne schmerzvolle Augen.
»Nun,« begann sie nach einer Weile, »wenn ein Kind gefunden worden ist, so redet man in einem Gasthause wohl auch nach vielen Jahren einmal davon; denn Kinder wachsen doch nicht an den Straßenrändern wie die Disteln.«