»Du darfst darüber nicht erstaunt sein,« sagte Veronika, »es ist nicht viel – Du weißt das noch nicht. Aber ich denke, es läßt sich schon machen.«

Sie hütete sich auch in dieser finsteren Stunde vor schulmeisterlichen Lehren und dachte: wenn ich ihn falsch erzogen habe, so wird nun auch sein Leben falsch werden.

Dann stand sie auf und suchte mit dem Mädchen alles zusammen, was er mitnehmen sollte. Er trug aus dem Gartenhause herüber, was er für nötig hielt, und sie ließen noch etliches für den anderen Tag; denn es wurde bestimmt, daß er erst abends reisen sollte, um den peinlichen Augen der Leute von Ibenheim aus dem Wege zu gehen.

Als die Stunde gekommen und sein Gepäck schon vorausgeschickt war, begleiteten ihn Veronika und Mali bis auf die Schwelle des Hauses. Sie hatten alle aufrechte und stille Herzen, und Fräulein Sinsheimer sagte: »Ich habe mir das bis zuletzt aufgehoben: borge Dir von keinem Menschen Geld, wenn Du einmal nicht mit dem langen solltest, was ich Dir geben kann! Es würde mir sehr weh tun; denn Du würdest damit bezeigen, daß Du zu anderen mehr Vertrauen hast als zu der Frau, die mit all ihrer Treue und Liebe um Dich gewesen ist. Du hast mir viel Freude geschenkt, Jakobus, und ich habe die Pflicht und den Wunsch, Dir für dies Glück zu danken. Du wirst mich immer finden, so oft Du mich suchst. Und nun sei brav und tapfer – lebe wohl!«

Jakobus sagte: »Ich weiß seit gestern klarer denn seit je, daß ich Dir alles zu danken habe, was ich bin und wohl auch werde, liebe Tante Veronika, und ich werde es nie vergessen.«

Dann beugte sich seine hochgewachsene klare Jugend zu der kleinen feinen Frau hinab, und sie küßte ihn mit ihren schmalen Lippen auf die Stirn.

Die Glocke am Schwibbogen tat drei leise Schläge, als sich die Türe geschlossen hatte, und Veronika sagte zu Mali: »Wir sind heute ein großes Stück dem Ende zugelaufen. Man legt nicht jeden Tag als Maß an den Weg, aber in solch einem stehen gleich sieben Meilensteine.« –

Er kam nachts um elf Uhr nach Weimar. Am anderen Vormittage ging er in die stille Straße, die Am Horn heißt; denn Maria Reh wohnte seit einiger Zeit mit einer Freundin, die auch Malerin war, in dem sehr kleinen Gartenhause, das ganz versteckt in dem schönen Besitze des Generalintendanten von Vignau liegt.

Als er den breiten Fahrweg entlang schritt, der von dem eisernen Tor unter Kastanienbäumen zu dem Häuschen führt, kam er sich sehr tapfer und fast daheim vor; denn er war durch den alten Weimarer Park herübergegangen, und die Welt war voll Frühlingsahnungen und heimlich springenden Knospen wie der Buchenwald an den Hängen des Gebirges. Als seine Augen nun den Schritten voraufliefen und an den kleinen Fenstern suchten, ob sie Maria Reh sähen, wußte er: er würde den Damen alles erzählen, was ihn zu seinem raschen Entschlusse gebracht hatte. Er kannte all diese Menschen nicht, an denen er vorbeigelaufen war, und fühlte: denen wäre es ganz gleichgültig, woher er gekommen sei; und sein helläugiges Wesen bäumte sich auch dagegen auf, sich von den Malerinnen die Wege in das Leben führen zu lassen und ihnen dafür mit Unehrlichkeit zu begegnen. Barbara Laufer hatte wahrscheinlich längst von allerlei Vermutungen zu Maria Reh gesprochen …