»Ich bin gar nicht mehr imstande, Ihnen zuzuhören, Herr Squenz, und bitte Sie, das Haus zu verlassen … Sehen Sie denn nicht, welche Verwüstungen Sie anrichten?«
Herr Squenz schaute sich sehr verwundert um und sah nichts. Dann entschuldigte er sich mit seiner Pflicht, aber Tante Veronika lehnte sich im Stuhle zurück und bezeigte ihm so vollkommene Abwesenheit und tiefe Entrüstung, daß er sich ohne Säumen empfahl. Die Klingel läutete ihn hinaus, und es war zu hören, daß Mali den Riegel hinter ihm mit strafender Empörung vor die Tür schlug. Dann kam sie herein; denn sie hatte Fräulein Sinsheimer von Verwüstungen reden hören – sie hielt ihre Anwesenheit in dieser wilden Stunde auch ohne Aufforderung für durchaus nötig. Tante Veronika stieß ihren gelben Stock in einemfort hart vor sich auf die Dielen; denn sie hatte das Bedürfnis, jedes ihrer zornwütigen Worte mit einem Schlage zu bekräftigen. Jakobus saß am Fenster, hatte den Kopf auf den Arm gestützt und sah in finsterem Schmerze in die sinkende Nacht. Was ihm einmal ein Schuljunge in raschem Kinderärger nachgerufen und wovor man ihn im Haus eine lange lichte Jugend hindurch behütet hatte – in dieser Stunde hatte Peter Squenz mit der brutalen Rücksichtslosigkeit des vereinigten Ochsenbauern und Polizeimannes die Decke von dem Geheimnis gerissen und hatte dem Jungen das Herz blutig geschlagen. Es war alles durcheinandergestürzt, was Tante Veronika in den Jahren aufgebaut hatte, und sie fand sich nicht mehr in sich selber zurecht. Da legte die alte Mali dem Jockele ihre Hand auf die Achsel; denn sie sah, daß ihm die Augen überliefen von stillem und heißem Weinen. Sie fand auch warme Worte windigen Trostes – denn welches Menschen Rede vermöchte das wildgewordene Meer eines im Tiefsten erregten Herzens zu glätten?
Danach stand er sehr ruhig auf und sagte: »Ich will in das Gartenhaus gehen und sehen, wie wir es machen können.«
Als es schon ganz dunkel geworden war, kam er wieder herein und sagte:
»Es ist nicht das, was Ihr denkt, daß es mich so hart getroffen habe! Daß eine Zigeunerin im Bergwinter verkommen ist, die ich nicht kenne, ist ein Jammer, und der Gedanke ist furchtbar, daß sie meine Mutter gewesen sein könnte. Aber ich habe sie nicht gekannt – sie hat auch gar nicht gewollt, daß ich sie kenne und liebhabe – aber sie zerreißen sich nun die Mäuler in der ganzen Gegend über mich. Vielleicht ist das auch nicht so schrecklich, wie es mir jetzt zu sein scheint; denn jetzt meine ich, ich könnte mich nicht mehr draußen sehen lassen, weil die Kinder hinter mir herschreien, was mir meine Mutter getan hat.«
Tante Veronika hörte ihn in Ruhe an, aber der alten Wirtschafterin wendete sich das Herz um, und sie kam mit Gründen einer landläufigen und gefühlsseligen Moral, daß es schlimm wäre, wenn ein Kind so von seiner Mutter rede.
»Und was hast Du Dir weiter gedacht?« fragte Veronika.
»Ich habe mir gedacht, es wäre am besten, ich ginge fort, schon morgen. Ich habe alle meine Zeichnungen zusammengesucht und will damit zu Maria Reh nach Weimar und möchte sie fragen, was sie zu der Sache meint. Wenn ich unter fremden Menschen bin und neue Pflichten habe, komme ich leichter über alles hinweg.«
»So ist es wohl am besten,« sagte Tante Veronika. »Ich kann Dir in jedem Monat hundert Mark schicken; wenn Du mit dieser kleinen Summe auskommst, so will ich Dich nicht zurückhalten. Und es wird wohl gehen; denn Maria Reh hat mir gesagt, daß sie auch mit so wenigem haushalten müßte.«
»Hundert Mark?« fragte Jakobus in großer Verwunderung.