Es war ein Schreiten zu den Toren der Ewigkeit; denn es fiel ein fremdes schönes Licht in die bangende Seele, und der vermühte Leib vergaß über dem beschwingten Gange die Not der verflossenen Zeit.
Der Weg führte aufwärts zum Kamme des Gebirges. Der Weg? Es war kein Weg, es war weißer schlafender Waldgrund, und der klirrende Frost zerwehte vor dem beseligten Wanderschritt.
Droben, wo sie schon den Wind hinter dem Kamme des Gebirges singen hörte, und wo er hohe Mauern aus glitzerndem Schnee durch den Wald gezogen hatte, lehnte sich das Weib an eine der weißen Wände … es war, als wäre aller Frost drüben, wo das ferne und eintönige Singen der Luft erklang. Da dachte sie: ich will mich ausrasten, ehe ich hineinschreite in den klirrenden Wind. Sie setzte sich nieder und sah die tiefe Spur, die ihre Füße in den Schnee getreten hatten, und wunderte sich, daß ein Mensch durch solch einen verstürmten Bergwinter schreiten könnte …
»O ja,« sagte sie, »mit einem Herzen voll Himmel wandert man durch alle Mühsal der Erde …«
Das war das letzte. Dann fiel ein blaues heitres Scheinen in sie. Und das blaue heitere Scheinen war das Sterben; denn als der Frühling über die Berge stieg und die weißen Decken wegnahm, fanden sie die Waldleute in ihrem tiefen Schlafe. Der Mann der Barbara Laufer war unter ihnen, und als er den silbernen Ohrring sah, den die fremde Tote trug, lief er zu Herrn Peter Squenz in Ibenheim und sagte, er sollte gleich mit ihm gehen; denn die dort oben schliefe, wäre die Mutter des Jakobus Sinsheimer. –
Durch Herrn Peter Squenz war diese Geschichte schon in allen Einzelheiten auf die Menschen losgelassen worden, als sie im Frühlingshause noch niemand ahnte.
Gegen Abend, da die Leute von der Waldarbeit heimgekommen, sah Mali eilige Frauen gegen die Hütte der Laufer streben, verkündete das dem Fräulein Veronika und schickte sich gerade an, Licht in die Sache zu bringen, da trat Herr Peter Squenz über die Schwelle. Die Glocke an dem metallenen Schwippbogen machte einen so ausgiebigen Lärm, daß auch der Jockele mit Augen voll Einsamkeit und Bestürzung herzulief; er hatte naturforschenderweise in der Gartenhütte gesessen.
Squenz, der als Amtsperson kam, nahm sich entsprechend wichtig und ahnte nicht, daß Tante Veronika ihm von dieser Stunde an eine Taktlosigkeit und Gemütsroheit nachreden würde, die sie mit sehr spitzem Munde als »einfach ganz unverzeihlich« bezeichnete. Er hielt die Anwesenheit Jockeles für durchaus wichtig; denn es ginge den Jungen vor allem an, meinte Herr Squenz, und dann berichtete er. Fräulein Sinsheimer saß dabei in ihrem Lehnstuhl, als hinge sich in dieser Stunde ein Bienenschwarm unter ihr an die Polster des Sessels; in Jakobus löschte der Tag aus, und das Mädchen Mali stand draußen im Vorhaus, hielt die Hand auf der blanken Klinke und überlegte, ob sie nicht die Flamme ihres Zornes über diesen Herrn Squenz werfen sollte. Der faltete drinnen ein Papier auseinander und legte den Ohrring auf den Tisch, und Jockele holte den Bruderreif aus dem geschliffenen Väslein und legte ihn daneben …
Da fand Fräulein Sinsheimer das erlösende Wort –