Aus dem unbewußten Blumendasein des ganz kleinen Holzhauermädels wurde gemach ein Menschenleben; und in seligem Erschauern ließ Fräulein Veronika das Glück dieses sachten Blühens in die Waldstille ihrer Tage rieseln und fühlte, wie es an ihrem vereinsamten Herzen zum Wunder ward.
Die Eltern des Zinzilein gingen zu Walde roden und aufforsten, und wenn der Schneewind über die Berge brauste, saßen sie bei der Heimarbeit, die in dieser Gegend Brauch ist: sie machten Puppen. Außer dem Zinzilein hatten sie kein Kind; und dies eine ward ihnen fremder mit jedem Tag. Es dachte anders und redete anders als Vater und Mutter. Und wenn das Zinzilein des Abends heimkam und aus seinem Frühlingsherzen heraus über sie schüttete, was das alte Fräulein am Tage hineingelegt hatte, merkten sie, daß das Kleine ein Gast in ihrer Waldhütte geworden war. Dann gaben sie sich Mühe, so fein mit ihm zu sprechen, wie es selber sprach, und standen vor ihm in feierlicher fremder Freude wie vor einer Tulpe, die ihnen auf den Geburtstagstisch gestellt worden. Wenn das Zinzilein nebenan in seinem Bette lag, holte die Mutter jedes Stück herzu, das es auf seinem Körperlein getragen, ließ ihre harte Hand darübergleiten und drückte es gegen die Wangen, zu fühlen, wie sanft es sei. Oder sie hielt das Kräuschen aus alten Spitzen gegen das Licht der Lampe, den feinen Lauf der Fäden zu sehen; denn Fräulein Veronika sorgte für alles – auch dafür, daß sich das Kinderherz den Eltern nicht völlig abwende. Und das war sehr schwer.
Sie badete es an jedem Tage des Sommern in einem klaren Bergquell, der aus dem schwarzen Wurzelgrunde heraus sich in ein Sonnenbett legte und das Glück des Himmels und Lichts in sich trank, ehe er als fußbreites Wasser in die Welt lief. Sie lehrte das Kind, diese Welt durch ihre klugen, reinen Augen zu sehen, und schloß ihm auf jedem Gang in den Frühling ein Wunder der Erde auf.
Es schien, als wäre die unerforschliche Macht, die die Menschen Schicksal nennen, zu der späten Erkenntnis gelangt, daß diesem Fräulein Veronika das herrlichste Mutterherz geschenkt worden, das sich denken ließe – da legte es ihr das kleine fremde Mädel in die Arme; denn das Kleinod dieses Frauenherzens, das kein Mann gefunden hatte, durfte nicht in Vereinsamung verloren gehen. Und dies Schicksal erkannte auch, daß dies Frauenherz unerschöpflich sei an hingebender Liebe und Klugheit … am frühen Morgen des Jakobustages, als das Fräulein Veronika sein Spitzenhäubchen auf die ergrauenden Haare gesetzt hatte und gleich einmal nach dem Zinzilein ausschauen wollte, ob es schon am Waldrand herüberschreite … »Na,« sagte Fräulein Sinsheimer, »wer hat mir denn da etwas auf die Haustürschwelle gelegt?«
Sie beugte sich ein wenig nieder und machte die Augen weit. Es war ein Bündel aus grauem Wolltuch. Sie rührte ein wenig mit ihrem weichen Morgenschuh daran. Da wackelte etwas unter dem Tuche. Und sie tastete mit ihren Fingern darüber. Da kneckerte ein Lebendiges in dem Bündel – »Na!«
Es war aber weder ein junger Hund noch eine junge Katze darin, sondern ein leibhaftiges Menschlein, in Dinge gewickelt, die große Armut als Windeln ansehen konnte. Und daneben kniete das gütige alte Mädchen und wußte nicht, was es mit sich selber anfangen sollte.
Da kam ein wunderliches verzweifelte Lachen über sie. Sie trippelte durch die Stuben und durch die Küche, und ihre besonnenen Hände begannen umherzugreifen, als könnten sie einen der vielen flatternden Gedanken erhaschen. Sie legte die Hände vor den Mund, als müsse sie dies hilflose Lachen ersticken, das gar keinen Platz hatte in diesem seltsamsten Augenblick ihres Lebens …
»Na, na, und gar ein Bübchen!« schrie sie aus ihrem gepreßten Herzen heraus. Aber dieser Ruf war schon Glück; denn er brach aus ihr hervor wie die Sonne aus dem verstürmten Märzhimmel.
Dann lief sie und nahm das große Bündel auf ihre Arme und trug es in die Küche und aus der Küche in das Zimmer und aus dem Zimmer zu ihrem Bette und legte es darauf. Und alle Türen standen offen, da lief ein goldener Morgenwind ins Haus und lief um sie her, und sie legte in ihrer freudigen Not eine Serviette dreieckig zusammen und das braune Bübchen darauf und deckte es mit ihrem weichen Deckbett zu bis an die Nase.
Zu all dem sagte der Junge gar nichts; als Zeichen seines lebendigen Unverständnisse wackelte er einmal mit den Lippen eine saugende Bewegung, beschied sich aber, ballte die Fäustlein, legte sie an seine Wangen und schlief sich tief in die wohlige Wärme dieses Bettes und neuen Lebens hinein wie ein Maulwurf.