Als das kleine braune schlafende Ding mit dem glänzenden Fellchen auf dem Kopfe nicht mehr in den Lumpen war, faßte Fräulein Veronika die Hülle mit sehr spitzen Fingern an und legte sie auf ein Zeitungspapier … da klapperte etwas auf den Fußboden. Es war ein silberner Ohrreif, der der Mutter über der Hast und dem Schmerze des Scheidens entfallen sein mochte; oder eine der kleinen Hände hatte über dem letzten Kusse stürmischer Liebe nach einem Halt gesucht; oder die große Herzensnot der Frau hatte dem Kinde das einzige Besitztum mitgegeben, dem sie noch einen geringen Geldeswert beimaß.
Das Fräulein verwahrte den Ring in einer Glasschale auf der Etagere; aber die Hüllen trug sie in dem Papier hinaus und legte sie rechts neben die Schwelle.
Da kam das Zinzilein, wie der Frühling, der über die Berge steigt – der Morgenwind nahm es an der Hausecke gleich ein bißchen beim Kopfe; aber das Mädel stellte ihn darüber zur Rede: »Was fällt Dir denn ein? Du verstruwelst mir ja ganz meine Haare!« und schubste mit seinen kleinen Händen vor sich in die wehende Bergluft.
Fräulein Veronika führte das Zinzilein gleich an das Bett, und weil sie auf den Zehen ging und die Augen voller Geheimnis hatte, mußte etwas ganz Wunderbares in diesem Bette sein.
Da sah das Zinzilein das blauschwarze Fellchen und sah die kleinen Läden, die über die Augen herabgelassen waren … aber das Wundern dauerte nur einen Augenblick, dann krümmte sich das Zinzilein in leisem, über die Maßen lustigem Lachen, und damit es nicht laut werde, klemmte es die Hände zwischen die Knie und lachte in einem fort. Dann warf es seine Arme stürmisch um Veronika.
»Das ist aber eine feine Geschichte!« sagte es. »Ich werde jetzt gleich laufen und meinen Puppenwagen holen!«
»Nein,« sagte das Fräulein, »der ist viel zu klein.«
Und sie gingen miteinander in die Küche, wo das Wasser zum Morgenkaffee noch immer wallend gegen die Stürze des Topfes stieß, und ließen die Tür ein wenig offen.
»Weißt Du,« sagte das Zinzilein und redete ganz leise, »ich werde mich so lange an das Bett setzen, bis er aufwacht! … Ob man ihm nicht einmal die Augen ein wenig aufklappen könnte?«