»Ach lieber gar,« sagte Tante Veronika. »Zuerst gehst Du einmal zum Gemeindevorsteher und sagst zu ihm: Sie möchten, bitte, gleich einmal zu Fräulein Sinsheimer kommen – es ist eine sehr wichtige Sache.«
Das Zinzilein mußte diese Worte dreimal wiederholen, lief damit einen Steinwurf weit den Berg hinab zum dritten Hause und sah den Vorsteher in seinem Garten. Da hielt es sich an einem Zaunstänglein fest und schrie: »Die Tante Veronika hat ein Kind gekriegt – es hat einen schwarzen Kopf, und Du sollst schnell kommen. Es ist eine großartige Sache!«
Herr Peter Squenz wußte, daß das Zinzilein ein unterhaltsames kleines Mädchen war, aber diese Botschaft schien ihm im höchsten Grade sonderbar. Er trat zu dem Kind an den Zaun, und weil er lachte, kam die Kleine ein bißchen aus dem Gleichgewicht. Da sah er, daß das Gesicht verängstigt war; denn das Zinzilein merkte, daß es die Worte der Tante über der Wichtigkeit des Augenblicks ganz vergessen hatte, aber es verließ sich auf sich selber und drängte: »Komm nur! Ein wirkliches richtiges Kind hat sie, liegt im Bette und hat die Augen ganz fest zu.«
Da dachte Herr Squenz, dem Fräulein Sinsheimer müsse etwas zugestoßen sein, warf sich schnell den Rock über und ging mit dem Zinzilein. Das redete immerfort von dem Kinde und seinem Sammetfellchen, und brauchte altkluge Worte, die wunderlich in dem kleinen Munde standen, aber als Herr Peter Squenz das Fräulein in der Haustür stehen sah, geriet seine lustige Neugier in abgrundtiefe Verwirrung.
Da mußte Fräulein Sinsheimer einspringen und ihn auf den rechten Weg führen. Die Sache war anders, aber sie war nicht weniger wunderlich; denn von dem kleinen Trupp Zigeuner, der in der Mondnacht durch den Bergwald gezogen war, hatte niemand etwas gesehen. Und weil das Fräulein Veronika auch erkläre, sie wolle für das Kind sorgen, wenn sich die Mutter nicht fände, und es solle der Gemeinde nicht zur Last fallen, so hatte Herr Peter Squenz weiter nichts zu tun, als den Vorfall mit dem Protokoll und der Unterschrift der Pflegemutter an seine Behörde zu berichten. In den umliegenden Dörfern und Städten blieben die Nachforschungen erfolglos. Die blanken Reden, die ins Ländchen liefen, versickerten, und es versickerte der Eifer der Behörden. So hatte Fräulein Veronika Sinsheimer zu dem blonden Zinzilein einen kleinen schwarzen Jakobus bekommen, den ihr recht gerne kein Mensch streitig machte. Diesen Namen hatte sie ihm gegeben nach dem Tage, an dem er gefunden worden. Etliche meinten zwar, er müsse Moses heißen: denn ob er aus dem Wasser oder aus dem Walde gezogen sei, wäre nicht so wichtig. Das Fräulein mochte davon nichts wissen.
Es blieb aber auch nicht bei dem Jakobus, denn das Zinzilein machte einen Jockele daraus und war mit seinem hellen ahnungsvollen Herzen um ihn und lebte sich in seiner Freude an ihm in ein sorgendes leuchtendes Glück; und die Tante Veronika lebte sich darüber hinein in die leuchtende Ewigkeit.
Natürlich hatte es Tante Veronika damit nicht eilig; denn Festungen, die ihm so sicher sind wie das Grab, pflegt ein weltfrohes Menschenherz nicht im Sturm zu erobern.
Es war nun doch ein großer Wandel der Dinge im Leben der alten Dame eingetreten: mit seinem kleinen Fäustchen warf das am Waldrand aufgelesene Büblein das stille Gleichmaß des blumenhaften Daseins einfach über den Haufen. Die rote Knospe seines Mundes faltete sich erst so leis auseinander, da herrschte er schon als König in seinem Reiche. Die blauen Wunder seiner Augen, in denen noch kaum etwas anderes war als die rätsellose Unbewußtheit des Himmels, machten das Wetter im Frühlingshause. Und weil er gewöhnlich nach Tante Veronika rief – mit Lauten, die ebensogut von einem Maikätzlein hervorgebracht werden konnten – wenn diese gerade in der Küche zu tun hatte, so mußte ein Mädchen ins Haus. Es waren da überhaupt hundert Dinge um seine kleine Majestät zu verrichten, deren viele recht unköniglich aussahen und die am besten einer dienenden Person überlassen wurden; denn zur Betätigung der unerschöpflichen Liebe blieb auch ohne jene Pflichterfüllung Gelegenheit genug.
So war das Haus am Bergrand vollgeworden zum Ueberlaufen, und die Tage begannen darin zu rennen wie die Windrädchen. Aber sie waren auch lustig wie diese, und es dauerte gar nicht lange, so hatte das Fräulein Sinsheimer wieder alles in seinen feinen weißen Händen, und die kleinen Sonnen, die sie sich an den Späthimmel des Lebens gestellt hatte, richteten ihren Gang nach dem großen Licht ihres Herzens.
Darüber lernte das Bübchen seine Freude in die Welt jubeln, und das Zinzilein fand sich in ahnungsvoller Hingabe in die seltsame Rolle, die es diesem Jungen gegenüber zu spielen berufen war. Es ward ihm Schwester und Mütterchen; es herrschte und gehorchte; es ward Pol und Kompaß, Saat und Sonne für das kleine Herz und schlang von einem zum anderen das Kettlein einer Liebe, das köstlicher war als Gold.