Weil es dem eigenwilligen Wunsche Jockeles entsprach, zog das Zinzilein in diesem Sommer ganz in das Frühlingshaus. Der Junge, dem Tante Veronika nachdrücklich klar gemacht hatte, daß es ein Gesetz des Wohlbefinden sei, die Nacht zum Schlafen zu benutzen, fand sich darein als in eine unverletzliche Pflicht. Und das Zinzilein war zu der Erkenntnis gelangt, daß man einem kleinen Menschen die Augendeckel nicht aufklappen dürfe, wenn sie heruntergelassen werden, und daß man so feine Härchen nicht stundenlang mit den scharfen Zähnen eines Staubkammes bearbeite. Dabei hatte sie Tante Veronika einmal ertappt, als es schon ganz rot unter dem Sammetfellchen hervorleuchtete. Man durfte einen Jungen auch nicht an einem Beine herumschlenkern wie eine Puppe. Es war überhaupt eine viel künstlichere Sache mit einem richtigen kleinen Menschen, und weit unterhaltsamer; denn der Jockele, als er sitzen konnte, bemühte sich nicht nur, dem »großen« und sehr klugen Zinzilein alles nachzutun, sondern er erfand auch eine Sprache, die das Zinzilein besser verstand als alle anderen.

Daß es nicht in dieser Sprache mit ihm reden durfte, war verdrießlich. Aber die Tante war gewöhnt, daß man Ordre pariere, und so mußte das Zinzilein in seiner klaren und reinen Sprache schon mit dem ganz kleinen Jockele verkehren. Und merkwürdig – die Tante war in dieser Sache zu keinem Entgegenkommen zu bewegen … die gütige, allerliebste Frau, die es gab! Und sie ließ sich nicht einmal auf Erklärungen ein.

Darüber geriet das Herz Zinzileins beinahe in Not, und das Mädchen Mali wurde von ihm zu Rate gezogen. Es fand sich in dem wunderlichen Willen der Tante Veronika aber auch nicht zurecht. –

Die Kinder schliefen droben in der Giebelstube, und das Zinzilein hatte sich von der Sorge um die Nächte ein für allemal frei gemacht mit der Frage: »Wenn der Jockele kneckert, soll ich dann aufwachen?« –

»Nein,« hatte die Tante gesagt und behauptet, sie schliefe so leise, daß sie die Träume der Kinder kommen und gehen höre.

Von nun an änderte sich durch eine lange Reihe von Jahren nichts mehr; denn das Glück bleibt gern zu Gast in einem Haus, in dem man zufrieden mit ihm ist. Nur weil die Menschen immer an ihm herumnörgeln, ist es so scheu geworden, und es muß einer in dieser Zeit oft meilenweit wandern, um es einmal über den Weg laufen zu sehen.

Seit das Zinzilein im Haus am Walde wohnte, hatten sich auch die Holzhauerleute mit dem Dasein des kleinen Jakobus abzufinden versucht, denn denen war der Junge wie ein Meteorstein in die Suppe gefallen. Armut ist immer eigensüchtig und wird darüber noch ärmer.

Einmal erschien die Mutter des Zinzilein bei dem Fräulein Veronika. Sie hatte sich zu dem Gange äußerlich zurecht gemacht wie ein Dorfsonntag und gab sich redlich Mühe, frohmütig zu erscheinen. Aber was sie sagte, kam aus einem angesäuerten Herzen; denn der Puppenmacherin Barbara Laufer wollte just der schönste Pott ihrer Hoffnung in Scherben gehen und klirrte vernehmbar in ihre Rede: das Zinzilein würde nun wohl übrig werden … Und von dem kleinen Mädel sprang sie gleich mittenhinein in ihre saure Weltanschauung, vor der die Milch auf dem Teetische zusammenrinnen konnte.

Aber Tante Veronika wußte derartigen Ausfällen zu begegnen.