Was sie sich an Lebensglück und an Freude zurechtgerichtet hatte, stand mit einer etwas spitzen Ueberlegenheit gegen die Menschen, und es hätte wie Feindseligkeit ausgesehen, wenn Veronika eine Unterhaltung über derlei Dinge jemals eingegangen wäre; denn die Lebensauffassung dieser Menschen baut sich auf die Weisheit: Wir können anfangen, was wir wollen – wir haben kein Glück und sind an die Schattenseite des Daseins gesetzt. – Fräulein Sinsheimer aber sagte: Jeder Mensch hat vom Glücke genau so viel, als er sich erzwingt. Und in ihrem Munde lag das unausgesprochene Wort: »Sie haben alle nicht das Geschick, glücklich zu sein!«

Und damit hatte das Fräulein recht. Die leuchtende Weisheit der wenigen Stillen im Lande war auch die ihre geworden; denn zuletzt sind es doch nur diese Stillen, die in allen Stücken mit dem Leben fertig werden. Aber sie wußte auch: es würden alle an ihr herumnagen wegen dieser Erkenntnis, sobald sie einmal ihre Zunge davonlaufen ließ, und man würde sie als eine verrückte alte Jungfer ausrufen.

Sie hütete sich, die Menschen zu bessern und zu bekehren, damit ihr nicht die eigene Sonne über diesem müßigen Beginnen auslösche. Sie ließ sich tausendmal sagen: »Ja, ja, das Fräulein Sinsheimer hat das Große Los des Lebens gewonnen!« Aber sie verriet keinem, wie töricht diese Rede sei, und daß sie selbst auf ein in Tränen ertrunkenes Dasein zurückschauen würde, wenn sie ihren vereinsamten Jahren nicht eine Fülle von Licht mit aller Weisheit und Zähigkeit ihres Herzens abgerungen hätte.

An einem Sonntagnachmittag um die Teestunde brach die Barbara Laufer in das Frühlingshaus. Sie ließ aus ihren ungeschickten Worten heraus merken, daß der Eindringling Jakobus dem Zinzilein leicht ein Glück streitig mache. Dies Glück hatten sie in dem Holzhauerhause schon mit heimlicher Freude gehätschelt.

Ueber allem rückte das Fräulein seinen Stuhl mit Entschiedenheit in die Sonne, faßte das flache altmeißener Schälchen mit drei spitzen Fingern und schlürfte ihren Tee mit jener süßen Behaglichkeit, gegen die keine Säuernis verknitterter Herzen ankommen konnte. Sie wäre gewöhnt, ihr Haus und ihr Leben selber zu bestellen, sagte sie, und fand dafür so feine und blanke Worte, daß die Frau Barbara in ganz demütiger Dankbarkeit zuhörte und mit der Erkenntnis davonging, sie wäre nahe daran gewesen, eine fürchterliche Dummheit zu machen.

Als ihr Mann sie vom Waldsaume her gegen das Haus kommen sah, schritt sie voll unverrichteter Dinge ihres Wegs.

Er fragte an ihr herum, ob sie denn nicht von Leben und Sterben geredet habe? Es könne doch einem alten Menschen einmal etwas zustoßen, und dergleichen.

Aber die Frau Barbara meinte, so weit wäre sie gar nicht gekommen, und er solle nur selber zusehen, wenn er sich einbilde, er mache es besser. Danach knurrten sie sich noch ein bißchen an, trösteten sich zuletzt aber mit der Weisheit, daß ein gesprungener Topf oft recht haltbar wäre. Sie trauten sich dabei nicht, die Sache mit dem rechten Namen zu nennen, und hatten doch schon so lange daran herumgedacht.

Das Fräulein Sinsheimer aber hatte sich in ihrem Leben nur ein einziges Mal überraschen lassen. Das war an jenem Sommeranfang gewesen, als ihr die Vorsehung den kleinen Jakobus in die Arme gelegt hatte. Nun war längst alles wieder in schöner Ordnung in ihrem Herzen, und es war fertig zum Leben und zum Sterben. Die Puppenmacherin Barbara Laufer brauchte gar nicht zu kommen, um einmal nachzuschauen, wie die Sachen stünden.