Sie dachte nicht, daß es bei dieser stumpfen Härte einen Zweck hätte, aber sie sagte dennoch: »Sie gehen augenblicklich mit zu mir hinüber und essen sich satt! Ich lade Sie für jeden Tag dieses Monats zu Mittag und Abend – zwischendurch gibt es nichts!«

»Diese Güte beschämt mich, Fräulein Rinkhaus! Aber es wird sich nicht anders machen lassen. Ein Trost ist, daß es zwischendurch nichts gibt, sonst würde ich für meine Eselei ja gar nicht gestraft werden.«

Doris Rinkhaus lachte hell auf, und er gab sich der klaren Ueberlegenheit ihres leuchtenden Frauentums mit ganzer Seele hin. Maria Reh war schon seit drei Tagen in ihre westfälische Heimat gereist und blieb über Pfingsten fort.

Als er gegessen hatte, fragte er: »Warum reisen Sie nicht auch?«

»Trotz!« sagte sie. »Wenn wir uns besser kennen, erzähl' ich Ihnen diese Geschichte. Ich bleibe dies ganze Jahr hier.«

»Auch ich kann ja nicht nach Hause gehen,« sagte er. »Ich muß erst weiter abrücken von den Dingen und Menschen, die dort um mich gewesen sind, seit ich vor der Tür aufgelesen wurde. Ich bin zwar fast immer allein geblieben, aber ich kenne diese Gesichter von Ibenheim zu gut, und ich kann Augen nicht leiden, die so an mir herumnagen.«

»Augen, die an einem herumnagen …,« wiederholte sie nachdenklich, – »jawohl, das ist das richtige Wort dafür; jener Herr Fridolin Hartwig hat auch solche Augen. Vielleicht nur Frauen gegenüber … Es gibt viele Männer, die uns auf diese Weise anfallen, und kommen sich dabei wohl auch tapfer vor.« Da merkte sie, daß sie damit auf ein Feld geraten war, auf dem die Jugend Jockeles noch nicht säete. Sie dachte auch, vielleicht wäre sie darin von zu großer Empfindlichkeit; denn Maria Reh hatte ihr einmal gesagt: »Du bäumst Dich da vor Dingen auf, die gar nicht so widerlich sind.« – Nun ja, Maria Reh, mit ihrem sachte rinnenden Blute und ihrer Hochsommerruhe! Maria Reh stand nicht mehr weit von der Schwelle der Dreißig.

»Es ist merkwürdig, daß Maria nirgend rechten Anschluß findet,« sagte sie dann, »sie hat hundert Bekannte und keinen Freund oder keine Freundin. So ist es auch mit ihrer Kunst – sie malt tausend Landschaften und kein Bild. Und so sind sie fast alle, diese ›Malerinnen‹; sie hungern nach Betätigung und werden doch nie satt an einer Sache, zu der sie von ihrem Geschmack, aber nicht von einem gewaltigen Willen und überzeugendem Talente geführt worden sind. Nun halten sie zwar erträglich damit Haus, aber sie finden sich darüber doch nicht zu einem Glücke des Lebens.«

»Und doch reden sie alle ganz anders,« sagte Jakobus.

»Reden! Natürlich reden sie; sie sind begriffen auf einer fortwährenden Selbstentschuldigung, oder nicht einmal das – sondern sie sind froh, daß sie ihr Leben wenigstens ohne die Langweile vertändeln können, die sie – sind sie Frauen – auch zu physischem Ruin führen.«